Schönberg Underground fasziniert im Tacheles
Berliner Morgenpost | 26. 05.2009
Isabel Herzfeld
Nachtblau und Morgenrot. Schönberg Underground fasziniert im Tacheles
Der Geist des »Tacheles« ist der gleiche, der auch Arnold Schönbergs Musik im Aufbruchsjahr 1909 beseelt: lebendig, unruhig suchend, auf Grenzüberschreitungen erpicht. Wenn in diesem 1909 erbauten ehemaligen jüdischen Kaufhaus, einst »Kathedrale der Waren« genannt, das Minifestival »Schönberg Underground« des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin stattfindet, dann fallen die Barrieren vor der gestrengen Moderne. Ein bunt gemischtes Publikum lauscht ihr mit Hingabe. Und die rohen, mit den Spuren der Zeit behafteten Wände, die zwischen Nachtbläue und Morgenröte oszillierende Beleuchtung, selbst Geräusche von einer vorbeirumpelnden Tram – das alles holt Schönberg gründlich aus dem Elfenbeinturm heraus.
Das fasziniert besonders im letzten der drei Kammerkonzerte, wenn Measha Brueggergosman mit den kabarettistischen »Brettl-Liedern« eine hinreißende Performance hinlegt, mit sinnlicher Körpersprache Texte von Wedekind oder Otto Julius Bierbaum ironisch ausdeutet. Ingo Metzmacher gibt den schmunzelnden Klavierbegleiter, doch auch im skurrilen »Pierrot Lunaire« zeigt sich der DSO-Chef als vorzüglicher Pianist. Salome Kammer, für den Sprechgesangspart dieses Melodrams geeignet wie keine andere, bringt das Außerordentliche, zeigt »Pierrot« als bösen Gnom, der die blutrünstigen Mondfantasien genießt. Legionen von Konzertdiven erstickten das im Schöngesang.
»Schönberg Underground« zeichnet den Aufbruch des Komponisten aus spätromantischer Tonalität zur Sprengung ihrer Grenzen schlüssig nach. Das Streichsextett »Verklärte Nacht« lässt zu Beginn noch einmal diese sich selbst verzehrende Chromatik erleben. Transparenz, Wärme und architektonische Deutlichkeit machen diese Interpretation groß. Auf dem Weg zur Zwölftönigkeit dürfen die »Klavierstücke op. 11« nicht fehlen, denen Jürgen Mommertz harte, verstörende Akzente gibt. Ebenso wenig die »Fünf Orchesterstücke op. 16«, denen auch die Kammermusikfassung von Felix Greissle die betörende »Klangfarbenmelodik« erhalten kann. Heinz Radzischewski als Dirigent behütet den Zusammenhalt dieser beklemmenden Ausdrucksmusik.
Doch darüber hinaus ist »Schönberg Underground« tatsächlich ein Sängerinnenfest. Robin Johannsen hat noch Mühe, dem »Buch der hängenden Gärten« die schon theorielastige Sprödigkeit zu nehmen und seine Nuancen zwischen Liebesglut und Enttäuschung freizulegen. Eine Entdeckung ist Sophie Klußmann, die im Streichquartett Nr. 2 ihren geerdeten Sopran bruchlos mit »tiefer Trauer« aus dem Instrumentalklang aufsteigen lässt und dann schwebend und glühend »Luft von anderen Planeten« fühlen lässt.
Berliner Zeitung | 31.05.2009
Peter Uehling, Martin Wilkening
Die Kunst gehört dem Unbewussten
Kein bedeutender Komponist hat sich jemals aus derart kleinbürgerlichen Verhältnissen emporarbeiten müssen wie Arnold Schönberg. Anders als seine bedeutendsten Schüler Alban Berg, Anton Webern und Hanns Eisler wuchs Schönberg als Sohn eines Schuhmachers weder in kulturell gesättigter noch religiös gefestigter oder politisch eindeutig geprägter Atmosphäre auf. Dass sich der Komponist mal als intuitiv Schaffender, dann wieder als esoterischer Konstrukteur verstand, der geborene Jude nach Ausflügen in die katholische und evangelische Konfession sich wieder dem Glauben seiner Väter zuwandte, hat nicht nur mit der notorischen geistigen Rastlosigkeit des ewig Suchenden zu tun, sondern vielleicht mehr noch mit den fehlenden kulturellen Prägungen durch das Elternhaus. Schönberg fühlte sich zwar frei, aber niemals sicher. Die Kategorie des Geschmacks blieb ihm fremd.
Ist das am Ende eine Erklärung dafür, dass Schönbergs Werke, mit Ausnahme des Streicherstücks »Verklärte Nacht«, im Musikleben bis heute nicht Fuß fassen konnten? Immer wieder gibt es Schönberg-Zyklen, noch immer haben sie etwas Kämpferisches und scheinen auf endgültige »Durchsetzung« bedacht. Und immer gehen die Orchester danach zur Tagesordnung über - bis zum nächsten Schönberg-Schwerpunkt.
Am aktuellen Saisonthema des Deutschen Symphonie-Orchesters, »Aufbruch 1909«, wäre nichts originell, wenn es zum 100. Mal um den Expressionisten Schönberg ginge, den Freud-Zeitgenossen und Strindberg-Leser, der um 1909 herum in Liedern, zwei hochgradig psychopathologischen Kurzopern sowie Klavier- und Orchesterstücken die »Triebkräfte« der Musik »befreit« hat von Dreiklängen, rhythmischen Symmetrien und Streicherfundament. Interessant wurde das vom Chefdirigenten Ingo Metzmacher initiierte Programm durch die Frage des kulturellen Kontextes. Schon am Montag vergangener Woche haben Metzmacher und das DSO das historische Umfeld beleuchtet, von dem sich Schönbergs Revolution abhob. Es war ein Konzert, das weniger den Aufbruchsgeist verdeutlichte als vielmehr eine Art Endzeitgefühl am Vorabend des 1.Weltkriegs. Franz Schrekers »Nachtstück« aus der Oper »Der ferne Klang« kann nur gewinnen bei einem Dirigenten wie Metzmacher, der bei nüchterner, gestaltenreicher Deutlichkeit nebenbei zeigt, dass die Qualitäten dieser eher modischen als modernen Musik jedenfalls nicht in ihrem faden Aufguss von Vor-Gefühltem liegen. Zu entdecken ist diese Musik heute aber ebenso wenig mehr, wie Ferruccio Busonis delikat hingehauchte »Berceuse élégiaque«, die nichts von dem emphatischen Freiheitsbegriff vermittelt, den Busonis kurz vor 1909 erschienener Entwurf einer neuen »Ästhetik der Tonkunst« so schwärmerisch strapaziert. Erstaunlich immerhin wirkte die Begegnung mit der »Musik für Orchester« von 1910, die der 1915 als Soldat in Galizien gefallene Rudi Stephan komponiert hat. Sie ist das Werk eines 23-Jährigen, das direkt an Mahlers Klangkosmos anschließt, mit seiner Wildheit, ausdrucksmäßigen Freiheit und einer geradezu erhabenen Schroffheit aber unverkennbar Eigenes enthält und im Konzert auch bedeutender Nachbarschaft standhält. Ein persönlicher Aufbruch, der durch die unglückliche, aber sozusagen epochal scheiternde Biografie seines Protagonisten ins Nichts führt.
Zurecht wurden diese Stücke in der Philharmonie aufgeführt, jenem Kultursaal, der in diesem Zusammenhang auch etwas von einer Sackgasse hatte. Das Neue, das Schönberg fand, brachte nicht nur neue Akkordverbindungen und Orchesterfarben. »Einer ganzen Kultur wurde da die Grundlage entzogen«, betont Ingo Metzmacher im Gespräch. Schönberg war dieser kultursprengende Impuls bewusst: »Die Kunst gehört dem Unbewussten! Man soll sich ausdrücken! Sich unmittelbar ausdrücken! Nicht aber seinen Geschmack, seinen Verstand, sein Wissen, sein Können. Nicht alle diese nicht angeborenen Eigenschaften. Sondern die angeborenen, die triebhaften.«
Und so ging es am vergangenen Wochenende heraus aus den üblichen Sälen, heraus zugleich auch aus dem orchestralen Genre, hinein in die maroden Gemäuer eines 1909 in der Oranienburger Straße erbauten Kaufhauses, das heute als »Tacheles« bekannt ist; das DSO zersplitterte in verschiedene Ensembles. Die heruntergekommene Architektur siedelt die Musik nicht in einer wie auch immer verstandenen Off-Szene an, sondern in jenem kulturellen Nirgendwo, das sie angepeilt hat: Im Zweiten Streichquartett mit Sopran vollzieht sich der Übergang in die Atonalität nicht ohne Anleihen an Wagnerschen Ekstasen, aber sie sind zugleich kammermusikalisch gepresst und verfremdet. Sophie Klußmann sang die von »Entrückung« und »tiefer Trauer« sprechenden George-Texte technisch äußerst kontrolliert und zeigte in der ausschwingenden Melodik zugleich Schönbergs Streben nach einer präziseren Fassung solcher Ausdrucksgesten. Es war nur zu realisieren, indem er sich vom Wagnerschen Pathos frei machte, das für ihn offenbar zur Kunstmusik dazugehörte und sich hartnäckiger hielt als die Tonalität. Noch die »Erwartung«, die musikalische Hysterie-Studie einer einsam im Wald irrenden Frau und Extrempunkt einer triebhaft flutenden Musik ohne thematische Bezüge, ist voll von Ausdrucksgesten, die das Gestammel aus den avanciertesten Passagen des »Parsifal« weiterdenken.
Es bedurfte eines seltsamen Kurzschlusses, um diese letzten Spuren traditionellen Ausdrucks zu tilgen. Am Sonntag kombinierte Metzmacher als Klavierbegleiter die »Brettl-Lieder«, die Schönberg um 1900 herum für ein Kabarett-Theater schrieb, mit den 21 kurzen Melodramen des »Pierrot lunaire«. Measha Brueggergosman setzte in den »Brettl-Liedern« den Körper nicht weniger als Ausdrucksmittel ein als Salome Kammer im »Pierrot«: Der Ausdruck wird in beiden Genres zur Veranstaltung, der Ton verzichtet auf den Anspruch der Wahrhaftigkeit. War Schönberg bei den zuerst komponierten »Pierrot«-Stücken noch von deren »tierisch unmittelbarem Ausdruck« begeistert, so sind die späteren zunehmend expressiv stilisiert und konstruktiv gebändigt.
Nach diesem Ausflug in die bedeutungsoffeneren Räume des »Tacheles« wirkte das Abschlusskonzert am Dienstag in der Philharmonie geradezu retrospektiv. Mahlers »Lied von der Erde« klang wie angestammter Besitz. Zwei nicht sonderlich charismatische Solisten verhinderten einen größeren Eindruck ebenso wie eine Probeneinteilung, die der folgenden »Erwartung« deutlich mehr Zeit widmete. Was das DSO nach den letzten anstrengenden Wochen hier noch einmal an Präzision und klanglicher Suggestion aufbot, war ähnlich beeindruckend wie die Souveränität, mit der Angela Denoke die gezackten Linien der Sopranpartie in den bedrängenden Ausdruck von Einsamkeit und Angst verwandelte. Und auch Metzmachers in großen Steigerungswellen verlaufende Interpretation konnte glauben machen, dieses Ausnahmewerk sei längst Bestandteil des Repertoires.
Aber das täuscht: Wenn die Philharmoniker im nächsten Jahr die »Erwartung« aufführen, geschieht das, wie üblich, im Rahmen eines Schönberg-Schwerpunkts.
