Andrew Davis erforscht mit dem DSO Verdi und Ives
Berliner Morgenpost | 03. 04.2009
Klaus Geitel
Verdi und Ives auf weltlichen Glaubensspuren
Zwei Werke von höchster Gegensätzlichkeit, beide basierend auf christlichem Glauben.
In der Philharmonie koppelte der herrlich integre Vollblutmusiker Sir Andrew Davis Verdis "Quattro pezzi sacri" mit der 4. Sinfonie von Charles Ives, die sich kreuz und quer durch die geistliche amerikanische Liedwelt tummelt. Das Deutsche Symphonie Orchester und der Rundfunkchor mit seinen Solisten standen Davis kunstreich zur Seite. Überdies aber auch noch ein Co-Dirigent, ohne den sich Ives' Sinfonie in ihrer vorsätzlichen Disparatheit nun einmal nicht steuern lässt.
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Verdi hat sich der Kirche musikalisch nie angedient: nicht mit seinem "Requiem" (das er in der Pariser Opéra Comique dirigierte), nicht mit den vier Einzelstücken, die immerhin ein "Stabat mater" und ein "Te Deum" enthalten. Zwei sind a cappella komponiert und damit einzig dem Chor reserviert. In den anderen beiden Stücken aber schlägt die Faust des alten Musikdramatikers unzimperlich zu und heizt die Stimmung gewaltig an. So pendeln die "Pezzi sacri" aufrüttelnd hin und her: zwischen tiefster Verinnerlichung und leidenschaftssattem Musikdrama. Davis arbeitete die Gegensätze mit Feingefühl und Temperament heraus.
Beides war natürlich auch bei der Ives-Sinfonie vonnöten. Sie scheint in ihrem mit "Comedy" überschriebenen, krawallseligen 2. Satz geradezu den Kreuzberger 1. Mai-Aktivitäten abgelauscht. Musikalische Umzüge kreuzen sich und toben gegeneinander an. Sie basieren auf heimischen Kirchenweisen der unterschiedlichsten Art. Ives zwinkert sie teils ironisch, teils robust hervor. Immer wenn man denkt, nun sei der krachfreudige Umzug vorbei, beginnt er Ohren sprengend von Neuem. Der Folgesatz gibt sich dagegen ganz artig. Die Form der Fuge hält ihren Komponisten sicher im Griff - und Ives genießt sichtlich die Haft, in die er sich freiwillig begibt. Der Schluss, "Näher mein Gott zu Dir", klingt dann feierlich auf, allerdings durchtönt von einem geradezu vor sich hin abenteuernden Schlagwerk. Bis zuletzt bleibt Ives sich und dem bislang Unerhörten treu. Im Saal: nichts als Jubel am Ende.
