Englische Romantik: Norrington dirigiert Elgar und Vaughan Williams
Berliner Morgenpost | 06.04.2009
Felix Stephan
Sternstunde mit Dirigent Roger Norrington
Gleich zweimal hat Sir Roger Norrington dieser Tage die Philharmonie beehrt. Mit dem Rundfunksinfonieorchester Stuttgart war er unlängst zu Gast, um seinen 75. Geburtstag zu feiern. Nun gab es den Nachschlag - einen rein englischen Abend, diesmal mit dem DSO.
Bedächtiger als sonst erklomm Norrington das Pult. Stille Vorfreude leuchtete ihm aus dem Gesicht. Sanft aber stets wachsam entrollte der englische Dirigent die betörenden Klangweiten in Vaughan Williams' "Tallis-Fantasie".
Das DSO hatte Norringtons Maxime des reinen, vibratolosen Tons konsequent verinnerlicht. Wie durch Zauberhand mischten sich ins Raunen der Streicher zuweilen schalmeiartige Klänge. Warum Norrington allerdings auch den solistisch hervortretenden Stimmführern das Vibrato verbot, war nicht unbedingt nachzuvollziehen. Zumal Ilya Gringolts, der junge Solist des Abends, anschließend alle Freiheiten der Selbstentfaltung genoss. Zwischen den skelettierten Cellokantilenen in der "Tallis-Fantasie" und den natürlich pulsierende Geigengirlanden in Williams' "The Lark Ascending" klaffte jedenfalls ein großes Loch. Der russische Geiger Gringolts ließ die Lerche beinahe zaghaft ihre Flugkreise beginnen. Schüchtern und zärtlich zugleich schickte er den Vogel in die höchsten Höhen.
Zu Beginn der zweiten Hälfte überraschte Norrington mit einer persönlichen Ansprache auf Deutsch. Die erste Sinfonie von Elgar sei sein Lieblingswerk, betonte er, vielleicht sei sie sogar die bedeutendste europäische Sinfonie des 20. Jahrhunderts. Norringtons nüchterner, unerbittlicher Geradlinigkeit war es zu verdanken, das dieses vor triumphaler Wucht schier berstende Werk so eindrucksvoll erklang.
