Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Koopman dirigiert Händel und Haydn

rbb Kulturradio | 28.03.2009
Andreas Göbel

DSO Berlin unter Ton Koopman. Mit Werken von Georg Friedrich Händel und Joseph Haydn

Einen Tag, nachdem der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Ingo Metzmacher, erklärt hatte, seinen Vertrag nicht über das Jahr 2010 hinaus verlängern zu wollen, stand für einen Abend wieder allein die Musik im Vordergrund. Ton Koopman gastierte beim DSO, und man konnte den Eindruck gewinnen, als wären die Musiker des Orchesters ganz froh, für zwei Stunden die schwierige Situation hinter sich lassen zu können. Unter Ton Koopman, so vermittelte es sich, spielte das DSO mit uneingeschränkter Freude. Der Dirigent verfügt über die Gabe, seine Begeisterung für die Musik, seine unbedingte Hingabe weiterzugeben. Er stellt sich ganz in den Dienst der Werke, die er aufführt, und dirigiert mit großen, ausladenden, fast tänzerischen Gesten alles bis ins Kleinste vor. Etwas derartiges muss einfach ansteckt wirken.

Dass längst Grundsätze der historisch informierten Aufführungspraxis auch bei Sinfonieorchestern, die auf modernen Instrumenten spielen, selbstverständlich sind, ist nicht nur beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und Roger Norrington zu beobachten. Ton Koopman geht beim Deutschen Symphonie-Orchester ähnlich vor: die Streicher weitgehend vibratolos, das ganze Orchester mit Blick auf die Gesten der Musik. In Georg Friedrich Händels Feuerwerksmusik wirkte das am Beginn noch ein wenig gewollt und vorsichtig. Jeder Akzent wurde betont genau genommen. Hier spürte man, dass das DSO kein echtes Spezialensemble für Alte Musik ist. Koopman wachte fast wie ein Dompteur aufmerksam gewissermaßen über jede Bewegung. Nach dieser kurzen Einspielzeit wurde die Musik wesentlich selbstverständlicher und fließender, die Bläser virtuos strahlend und farbig leuchtend, die Streicher mit absoluter Genauigkeit, wenngleich auch wieder ein wenig matt. Das letztgenannte jedoch ist im Moment ein Grundproblem im Orchester, und es wäre eigentlich die Aufgabe des Chefdirigenten, dort Abhilfe zu schaffen. Ton Koopman ist dies nicht vorzuwerfen; im Gegenteil: Unter seiner Leitung muss sich das Deutsche Symphonie-Orchester nicht hinter Originalklangensembles verstecken.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ton Koopman mit dem DSO Joseph Haydn aufführt. Diesmal war es u. a. die 97. Sinfonie, ein vordergründig sehr festliches Werk. Koopman jedoch interessierten die unzähligen Details, die er durchsichtig, knapp und ziemlich kleinteilig aufschlüsselte; jeder Mosaikstein war blank geputzt, und trotzdem fiel das ganze nicht auseinander. Der Dirigent verstand es, den Witz dieser Musik herauszukitzeln, ohne dass es jemals oberflächlich wirkte. Er öffnete einfach die riesige Wundertüte und ließ überraschende Instrumentierungen, Dynamik und Harmonik herauspurzeln. Das war kein langweiliger Papa Haydn, sondern einer der originellsten Komponisten des 18. Jahrhunderts, ein Satiriker, der jede halbe Minute eine neue Pointe präsentiert, und jedes Mal ein wirklich gute; kurz: eine Glanzleistung.

Joseph Haydns Sinfonia concertante steht eher selten auf den Konzertprogrammen; sie funktioniert auch nur mit Solisten, die gut aufeinander eingespielt sind. Das DSO verfügt über Spitzensolisten in den eigenen Reihen. Ton Koopman platzierte sie nicht wie bei Solokonzerten üblich an der Rampe, sondern in der ersten Reihe des Orchesters, und auf diese Weise traten ihre Stimmen immer wieder für Momente als originelle Farbtupfer hervor. Alle spielten hervorragend zusammen, und doch waren sie individuell unterschiedlich; jeder vertrat einen anderen Charakter, ein anderes Temperament, so dass Haydns Musik fast etwas Szenisches bekam, wenn die Geige unglaublich engagiert, das Cello übermütig und gewitzt, die Oboe präzise pointiert und das Fagott sehr weich und dezent agierten. Ton Koopman und dem DSO ist es auch hier gelungen, den Witz der Musik auf sehr subtile Weise zu präsentieren. Der Dirigent ist auf jeden Fall eine absolute Bereicherung für das Orchester.



Berliner Morgenpost, Kurz & Kritisch | 30.03.2009
Klaus Geitel

Das DSO spielt trotz Metzmacher froh gelaunt

  Ein Freudenfeuer aus Tönen und Klängen. Das ist Händels ›Feuerwerksmusik‹. Es bedarf gar keiner zusätzlichen Knallerei am nächtlichen Himmel, zumal wenn der rührige Ton Koopman in der Philharmonie am Pult steht: ein leidenschaftlicher musikalischer Animator, der noch weiß, dass in diesem Wort tatsächlich "Anima", also Seele, zu stecken hat.
Er setzt die seine ohne Rückhalt ein. Das kommt Haydn und Händel zugute, nicht zuletzt auch dem Deutschen Sinfonie Orchester und seinen Solisten, den beiden sensationellen Trompetern an der Spitze.
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Haydns Sinfonie Nr. 97 schickte Koopman zwei seltener zu hörende Werke aus der Spätzeit des Meisters voraus: die Sinfonia concertante für Oboe, Fagott, Violine, Cello und Orchester und das kleine Notturno für Flöte, Oboe und Orchester. Von ihm weiß man zwar nicht recht, warum es sich ›Notturno‹ nennt, es versprüht von Anfang an Tageshelle, nur im Adagio dunkelt sich der Marsch in den Frohsinn zeitweilig etwas ein. Aber auch hier kann von Notturno-Stimmung die Rede nicht sein. Kornelia Brandkamp (Flöte) und Martin Kögel (Oboe) waren die ausgezeichneten Solisten. Sie wurden von Koopman buchstäblich ans Herz gedrückt.
Nichts da von einem Trauerspiel rund um die tags zuvor eigenmächtig verkündete Nichtverlängerung seines Chef-Dirigentenvertrages durch Ingo Metzmacher. Das Orchester jedenfalls ließ sich davon nichts anmerken. Es stürzte sich in Haydns Sinfonia concertante wie einst dieser selbst, als er in London die sinfonischen Konzertstücke seines Schülers und Rivalen Ignaz Pleyel gehört hatte. Ihnen wollte er gewissermaßen kompositorisch den Garaus machen. Was auch gelang - diesmal mit Hilfe des Parade-Fagotts von Jörg Petersen, assistiert vom Konzertmeister Bernhard Hartog und dem Cellisten Mischa Meyer.