Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Christian Tetzlaff spielt Bergs Violinkonzert

Der Tagesspiegel, Kultur | 24.02.2009 Christiane Peitz Jodler aus dem Jenseits Die Passacaglia: stabiler Bassgrund, Variation des Beinahe-Gleichen, Zentrifugalkraftwerk, das Unerhörtes herauskatapultiert. Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie Orchester haben – zum 15. Geburtstag der Berliner Rundfunk Orchester und Chöre GmbH und als Abschiedsgeschenk für den Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz – ein kluges Konzertprogramm zusammengestellt: Auf Bachs Formschema beziehen sich Weberns ›Passacaglia‹, die Zwölftonreihe in Bergs Violinkonzert und Brahms 4. Sinfonie. Das Beharrliche, hier wird’s Ereignis, wenn Metzmacher bei Brahms die Autosuggestion hervorkehrt. Mit aller Macht vergewissert sich die Symphonik ihrer selbst – und die wehmütige Soloflöte klingt wie vom anderen Stern. Traumverloren auch der Geiger Christian Tetzlaff. Sein Spiel ist das eigentliche Ereignis des Abends in der Philharmonie, sein ins Klanggeflecht des Orchesters eingebetteter Ton, seine einsamen Wanderungen weit weg vom Lärm des Kollektivs, sein Vermögen, vollkommene Hingabe und restlose Kontrolle miteiander zu vereinen. Kerzengerade steht Tetzlaff da, hält die Geige im rechten Winkel und geht geschmeidig tief in die Knie. Jodler aus dem Jenseits, Bekenntnis eines Narkoleptikers – und der verzitternde Schlusston wird zur puren Magie: So bewegend hat man diese Musik des Verschwindens selten gehört.
www.klassik.com, 22.02.2009 Tobias Roth Den Ohren trauen Das Konzert hatte es in sich und bot kein leichtes Programm: Webern, Berg, Brahms. Kein »rettender« Mozart, nichts von den Jubilaren Mendelssohn oder Haydn. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Ingo Metzmacher spielte vor der vierten Symphonie von Johannes Brahms Weberns ›Passacaglia‹ und Bergs Violinkonzert mit dem Untertitel ›Dem Andenken eines Engels‹, und vereinte so in der ersten Hälfte mit einem musikalischen Bogen Anfang und Ende der Schönbergschüler: Weberns erstes und Bergs letztes Werk. Im ganzen also ein gut dimensioniertes Programm, in gewissem Sinne wohltuend kürzer als die Programme des Hausherren Simon Rattle. Solist des Violinkonzerts war der Geiger Christian Tetzlaff, der in den letzten Jahren vor allem mit seiner glasklaren Ausnahmeeinspielung von Bachs Sonaten und Partiten Aufsehen erregt hat. Weberns Erstlingswerk, das sich aus dem fast schelmisch leisen pizzicato-Beginn heraus entwickelt, begann nüchtern. Webern setzt immer wieder schwelgerische Passagen, die von Dissonanzen zersetzt und gleichsam von den Rändern her angegriffen werden. Zwischen diesen Glut- und Gefrierpunkten des Werkes wurden ein Gleichgewicht und eine Balance gesucht; nur in den forte-Türmungen forcierte sich etwas Pathos. Die Kontraste hätte man deutlicher, schneidender herausarbeiten könnten, wie auch das durchgängige Passacagliathema; dies vor allem, als in diesem ersten Stück die Farben nicht so tiefscharf ausgeschöpft wurden; eben auch jene, die den roten Faden ausmachen. Mit Christian Tetzlaff als Solist hob sich das musikalische Gesamtgewicht erheblich. Dass Tetzlaff ein großer Geiger ist, steht außer Frage. Besonders in der höchsten Höhe war sein Spiel gesanglich und transparent, auch in den virtuosen Ausbrüchen des zweiten Satzes. Die Doppelgriffe des ersten Satzes klangen wunderbar voll, ausgewogen und gleichmäßig. Am Ende des ersten Satzes zeigte sich deutlich der interpretatorische Tief- und Feinblick des Solisten: auch hier werden wie von Ferne Anklänge an eine unzersplitterte Kunst und Welt gegen die Todestrauer der Grundstimmung gesetzt. Tetzlaff verstand es hier feinsinnig, diese verlorene Schönheit präsent zu machen und doch mit grimmiger Bitternis abzutönen. Schwelgende Walzererinnerungen waren in Ironie und Distanz eingelegt wie seltene oder ausgestorbene Tiere in Formaldehyd. Die Anspielungen auf einen Bach-Choral, die das Konzert beschließen, taten ihre Wirkung, und auch das Orchester war hier präsenter, feiner. Die schrittweise Abdunklung der Klangfarbe, würdiger, weiter, totenfeiermäßiger, erschien an einem Punkt als schlagartig. Tetzlaff belebte hier den violinistischen Schmelz, der aus Zurückhaltung und Schlichtheit entsteht, und, soweit das möglich ist, Gedankentiefe zu vertonen scheint. Das Orchester hätte hier noch mehr zurückstehen und dieser Wärme Raum lassen können, der Untergrund hätte sanfter und »gedanklicher« sein müssen. Der letzte Soloton Tetzlaffs aber schwebte so körperlos und seraphisch im Raum, dass er alles überstrahlte, was zuvor und zugleich weniger brillant gewesen sein mochte. Im Brahms schien das Orchester mehr und vollends heimisch, klangvoll; das reiche Streichergewebe, von den Bläsern durchschossen, ein reicher, warmer Stoff. (Diesem Bild entspricht aber auch die nicht vollkommene Festigkeit.) Das Thema des ersten Satzes und seine Reprisen gelangen sehr gut: dicke, satt grundierte Farben im besten Sinn, spät und nachgedunkelt im Charakter, in allen Stimmungen das steigernde Bewusstsein des Alters; auch Brahmsens Symphonie ist ja ein produktives Zeugnis der Auseinandersetzung eines Künstlers mit der Vergangenheit seiner Zunft. In den großen Momenten der Horngruppe im zweiten Satz mochte einen manchmal die Sehnsucht nach der Horngruppe der Philharmoniker (und überhaupt nach deren Blechbläsern) befallen, aber das kann, bekanntlich, nicht allzu viel heißen. Insgesamt ein Abend, der in keinen Rausch versetzte, aber große Musik genießen ließ. Der Himmel wurde nicht herunter gerollt, aber auf Erden ließ es sich wohlsein. Keine Wunder, aber Kunst und Handwerk, bei weitem mehr als Kunsthandwerk. Man konnte seinen Ohren trauen: und das gab oft genug Begeisterung.
Berliner Zeitung, Feuilleton | 24.02.2009 Martin Wilkening Ohne falsche Süße Alban Bergs Violinkonzert, auf seine Art verwandt mit Stefan Zweigs Erinnerungen an die »Welt von gestern«, entstand 1935 und entwickelte sich während der Arbeit vom bloßen Auftragswerk für den Geiger Louis Krasner zu einem Epitaph für die 18-jährig gestorbene Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius. ›Dem Andenken eines Engels‹ ist das Stück gewidmet, und die Musik versucht nichts weniger, als das Wesen der Existenz im Gestus von Erinnerung zu erfassen. Der ganze erste Teil tastet sich in weiten Bögen an musikalische Gestalten heran, beginnend mit dem Spiel der leeren Saiten der Solovioline; aus dem gleichsam unpersönlichen Klang wächst erst allmählich eine Physiognomie hervor. In dem traumartigen Wechsel von Andeutungen und Überdeutlichkeit bilden sich zwei Kristallisationsmomente heraus, eine beschwingt sich wiegende Ländler-Weise und die Anfangszeile des Bach-Chorals »Es ist genug« Für den Solisten ist Bergs Konzert kein Schaustück. Aber das Andeutungshafte will trotzdem mit Präsenz erfüllt sein, während umgekehrt da, wo der Ländler und Bachs Choral aufleuchten, sich Stilsicherheit und Intelligenz zu beweisen haben. Viele Interpretationen saugen sich in ihnen fest, während das Übrige unterbelichtet bleibt. Dieser Gefahr erlagen Christian Tetzlaff und das unter Ingo Metzmacher in erlesener Kangsubtilität glänzende DSO in keinem Moment. Tetzlaffs leicht rauer, dabei entwicklungsfähiger und intensiver Ton neigt nie zu falscher Süße, und die Brillanz seines Spiels steht ganz im Dienst einer größtmöglichen Detailschärfe zur Darstellung musikalischen Zusammenhangs. In der Klarheit des Blicks aufs Ganze, der Sinnhaftigkeit jedes Augenblicks und der Selbstverständlichkeit ihrer Vermittlung besaß diese Interpretation exemplarischen Rang. Eingerahmt wurde Bergs Reflektion über Musik und Musizieren von zwei Werken, die ebenfalls tief in die Vergangenheit eintauchen, Anton Weberns ›Passacaglia‹ und Brahms' 4.Symphonie. Beiden verleiht der Bezug auf die alte Form der Passacaglia etwas Archaisches, das die Gegenwart der ausgedrückten Gefühle mit mahnender Strenge umgibt. Brahms 4.Symphonie inszenieren Metzmacher und das DSO im streichersatten antiquarischen Breitwand-Sound, riesig besetzt, allerdings ohne verdoppelte Holzbläser. Ein Konzept ist darin nicht zu erkennen. Die Klangbalance gelingt nicht, die Streicher spielen oft nicht sehr präzise, was Metzmacher durch sinnlos knallige Rhythmen in einer insgesamt noch unfertig wirkenden Aufführung auch nicht kompensieren kann.