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Der Tagesspiegel, Kultur, Kurz & Kritisch | 10.02.2009
Daniel Wixforth
Wenn alte Gefühle zu lodern beginnen
Ein Treffen mit dem Ex ist immer irgendwie aufgeladen. Besonders dann, wenn es in der aktuellen Beziehung hier und dort zu kriseln scheint. Leicht kann da jede vertraute Geste, jeder schöne Ton in alle Richtungen interpretiert werden. Und mit schönen Tönen geizt das Deutsche Symphonieorchester wahrlich nicht bei der Begegnung mit seinem ehemaligen Chef Kent Nagano. Zunächst aber, so als solle niemand in der Philharmonie von Gefühlen auf falsche Fährten gelockt werden, präsentiert Nagano Schuberts Dritte vollends akademisch. Bis ins kleinste Detail legt er die Form frei, fordert vom DSO messerscharfe Exaktheit. Den klassischen Schubert will Nagano zeigen; den, der sich (noch) nicht traut aus dem übergroßen Schatten Beethovens rauszutreten. Und die Musik gibt ihm recht! Auch wenn manches – besonders im Menuett – etwas steif wirkt, verliert diese neugierige Trockenheit, kombiniert mit einem wunderbar transparent spielenden DSO, nie ihren Reiz.
Andere Klänge bei Schumanns Konzertstück für vier Hörner: Schallend extrovertiert geben sich die Horn-Solisten des DSO im ersten und dritten Satz, um sich dazwischen in der Romanze butterweich in das orchestrale Kollektiv einzufügen. Ein Spiel zwischen Anschmiegen und Rebellieren, in dem das Quartett allzeit so homogen wie ein einziges, vierstimmiges Instrument klingt. Bleibt zum endgültigen Aufflammen alter Gefühle Mendelssohns Schottische Symphonie. Und tatsächlich, hier brennt alles: Egal ob im Kopfsatz, wenn das Orchester das Hauptthema mit aller gebotenen Fragilität behandelt, oder im Finale, wenn Nagano so fabelhaft bedacht zum Innehalten auffordert, bevor der Schluss-Hymnus im Tutti explodieren darf. Glücklich, wer hier den Augenblick genießt – töricht, wer ihn verschwendet um eine alte Beziehung gegen eine aktuelle auszuspielen.
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