Runnicles Debüt mit Webern, Berg und Mahler
Der Tagesspiegel, Kultur | 20.01.2009
Christiane Peitz
Berlin wartet
Donald Runnicles dirigiert das DSO
Die Musiker der Deutschen Oper wären gerne gekommen, um ihren künftigen Chef im Sinfoniekonzert zu erleben – allein, es gab zeitgleich die ›Helena‹-Premiere im Haus an der Bismarckstraße (siehe Rezension auf dieser Seite). Donald Runnicles, vor seinem Berliner Amtsantritt im August – wie musiziert er, was macht er für eine Figur?
Das Deutsche Symphonie-Orchester jedenfalls trägt er auf Händen am Sonntagabend in der Philharmonie. Oder besser: auf seinen breiten Schultern. Hellwach, hochkonzentriert, mit sanfter Autorität und äußerster Präzision nähert er sich Anton Weberns ›Sechs Stücken für Orchester‹ op. 6: kompakte Intensitäten, kondensierte Emotion, schockgefrorene Dramen. Im Trauermarsch erzittert die Luft, die Stille bebt, schließlich provozieren die Schlagzeuger ein wahres Inferno. Der Krach und das Trauma danach: Runnicles sorgt für Extremspannung, und das DSO spielt sichtlich begeistert volles Risiko.
Auch den mystisch-fiebrigen Texten von Alban Bergs ›Sieben frühen Liedern‹ begegnet der 54-Jährige mit antiromantischen Reflexen. Runnicles ist kein Zauberer, keiner, der sich der Musik hingibt, aber auch kein Technokrat. Eher ein Kopfspieler, der die Oberfläche von Bergs Klangfarbstrukturen so lange abscannt, bis sie ihr Geheimnis offenbaren. Alles singt, hier und jetzt, zärtlich, energisch, Musik als reines Präsens, als Feier des Diesseits. Die finnische Sopranistin Soile Isokoski schmiegt sich dem Gesang der Instrumente kongenial an – eine federleichte, noch in den Spitzen delikat verhaltene, anrührende Stimme im goldenen Käfig. Sie rüttelt nicht an den Stäben, trumpft nicht auf, »leis wie eine Märchenweise« heißt es mit Rilke im vierten Lied.
Donald Runnicles, der Schotte mit amerikanischer Karriere, dirigiert mit schier unglaublicher Aufmerksamkeit. Mahlers Erste nach der Pause findet man zunächst viel zu laut, blank, knochig – zu amerikanisch eben. Schon die leeren Quarten zu Beginn, aus denen heraus Gustav Mahler sein symphonisches Universum erschafft, künden von entschlossener Tatkraft. Der Tanz im zweiten Satz: nicht derb, sondern deutlich abgezirkelte Figuren. Der ›Bruder-Jakob‹-Kanon in Moll im dritten Satz mit nur vornehm kieksender Klezmer-Klarinette überrascht durch die liebevolle Integration all der Alleingänge und Außenseiter-Stimmen. Erst im Finale kippt das Bild.
Runnicles radikalisiert die Apotheose und treibt das DSO derart zur Raserei, dass die Gewalt zutage tritt, die den vermeintlichen Volkston drangsaliert und deformiert. Mahlers Erste als scharfkantiger, gleißender Eisberg, an dem alles Kunstschöne zerschellt, als Trümmermusik mit giftigen Blumen zwischen Ruinen. Die leeren Quarten künden nicht mehr vom Ursprung, sondern vom Ende der Welt. Runnicles, der Katastrophen-Meister: Der Deutschen Oper kann soviel Energie nur gut tun.
Berliner Morgenpost, Kultur | 21.01.2009 Felix Stephan Schniefen und Keuchen in der Philharmonie In der Philharmonie haben gerade Erkältungen Hochkonjunktur: Vor der Geräuschkulisse schniefender und keuchender Zuhörer versuchten sich die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters in den magischen Anfang von Mahlers erster Sinfonie zu versenken. Und siehe da - nach und nach glätteten sich die Hüstelwogen. Zu verdanken war das dem stämmigen, sympathischen Donald Runnicles, der am Pult für grandiose Spannungsbögen sorgte. In der erwachenden Natur spiegelten sich naive Unschuld und geheimnisvolle Bedrohung zugleich. Wo es um extreme Charakterumschwünge, jähe Brüche und gewagte Montagen ging, da ließ der schottische Dirigent mitunter Schwächen erkennen. Das triumphale Finale entschädigte für einige behäbige Stellen in den mittleren Sätzen. Das DSO musizierte auf Messers Schneide, hellwach und unerbittlich. Streicher und Bläser funkelten. Der nicht enden wollende Applaus, in dem Runnicles danach badete, galt nicht zuletzt auch den ersten paar Minuten des Konzertabends. Mit Weberns Orchesterminiaturen op.6 hatte das DSO seinen Zuhörern ein unvergessliches Erlebnis beschert. Runnicles interpretierte Weberns mehrteilige Trauermusik als eine schonungslose Anatomie des Schmerzes. Paradoxerweise entstand gerade durch die radikale Selbstbeschränkung ein großes Maß an interpretatorischer Freiheit. Es war, als ob in jeder Geste, jedem Ton, jedem Geräusch ein ganzer Roman steckte. Weniger mitreißend gelang danach der Auftritt der finnischen Sopranistin Soile Isokoski mit Alban Bergs ›Sieben frühen Liedern‹. War das Orchester zu laut oder die Sängerin zu leise? Fest stand: Die Balance stimmte nicht. Und bei aller Bewunderung für Isokoskis perfekt geführten Sopran - es fehlten die subtilen Nuancen, das Aufopfernde, der Wille zum Außergewöhnlichen.
Berliner Zeitung, Feuilleton | 21.01.2009 Peter Uehling Der Gehrock schaukelt mit Donald Runnicles dirigierte Webern, Berg und Mahler in der Philharmonie Donald Runnicles, der zukünftige Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, ist kein Mann zarter Gesten. Er führt den Taktstock in der Linken und hält ihn zumeist fest in der Faust. Körperliche Stärke und der Gehrock, den er am Sonntag in der Philharmonie trug, schränken die Signalstärke kleiner Bewegungen zusätzlich ein, weil sie schnell mitschaukeln. Runnicles organisierte das Deutsche Symphonie-Orchester tadellos. Aber eine Musik wie die Weberns, die haucht und seufzt und ihre Zusammenhänge mit Spinnfäden durch die Instrumente webt, ist mit solcher Gestik nicht überzeugend darzustellen. Das Konzert war dem Saisonthema ›Aufbruch 1909‹ verpflichtet, und Weberns Orchesterstücke op.6, in jenem Jahr entstanden, sind gewiss eines der Schlüsselwerke dieses Aufbruchs. Unter Runnicles jedoch fiel diese Musik unter das Niveau, das man ihr bis dahin zugesprochen hatte. Sollte es wirklich so sein, dass Webern sich mit der Zusammenfügung einiger kryptischer Akkorde, reichlich ähnlicher Melodiefetzen und exotischer Instrumentationsideen begnügt hätte? Webern war gewiss der einfachste Komponist der Wiener Schule. Bei Runnicles waren die Melodien zu laut und die Begleitung zu belanglos; der Gedanke dieser Generation, dass Akkorde zusammengeklappte Linien, Melodien ausgefaltete Akkorde sind, beides also gleichberechtigt auseinander hervorgeht, war hier nicht zu bewältigen. Schöner gelangen die Sieben frühen Lieder von Alban Berg, wenngleich auch hier der breite, satt gefärbte Strom einiges an Feinheit mit sich riss. Der zurückhaltende Gesang von Soile Isokoski hatte die Möglichkeit eröffnet, den Verflechtungen von Gesang und Orchester genauer nachzugehen, entschieden genutzt wurde sie nicht. Runnicles, so scheint es, braucht größere Formate. Das zeigte er in Mahlers Erster Sinfonie. Seine Interpretation des Kopfsatzes war auf der Höhe der Zeit, sie löste die Reste der Sonatenform fast völlig auf. Selten hat man so deutlich wahrgenommen, dass nicht Mahlers Themen die Form treiben, sondern seine auf den Durchbruch zielende Klangfantasie: Von der kargen Einleitung aus entwickelte Runnicles ein mal lastendes, mal luftiges, Geschehen, in dem das zitierte »Ging heut morgen übers Feld« wirklich wie ein Zitat stand und nicht zur Stimme des sinfonischen Subjekts wurde. So verband sich bei Runnicles mitreißendes Musizieren mit erhellender Distanz. Auch dort, wo Runnicles' Interpretation weniger erhellend war, riss sie immer noch mit: das Publikum und zugleich das entfesselte, sehr schön klingende Orchester.
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Berliner Zeitung, Feuilleton | 21.01.2009 Peter Uehling Der Gehrock schaukelt mit Donald Runnicles dirigierte Webern, Berg und Mahler in der Philharmonie Donald Runnicles, der zukünftige Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, ist kein Mann zarter Gesten. Er führt den Taktstock in der Linken und hält ihn zumeist fest in der Faust. Körperliche Stärke und der Gehrock, den er am Sonntag in der Philharmonie trug, schränken die Signalstärke kleiner Bewegungen zusätzlich ein, weil sie schnell mitschaukeln. Runnicles organisierte das Deutsche Symphonie-Orchester tadellos. Aber eine Musik wie die Weberns, die haucht und seufzt und ihre Zusammenhänge mit Spinnfäden durch die Instrumente webt, ist mit solcher Gestik nicht überzeugend darzustellen. Das Konzert war dem Saisonthema ›Aufbruch 1909‹ verpflichtet, und Weberns Orchesterstücke op.6, in jenem Jahr entstanden, sind gewiss eines der Schlüsselwerke dieses Aufbruchs. Unter Runnicles jedoch fiel diese Musik unter das Niveau, das man ihr bis dahin zugesprochen hatte. Sollte es wirklich so sein, dass Webern sich mit der Zusammenfügung einiger kryptischer Akkorde, reichlich ähnlicher Melodiefetzen und exotischer Instrumentationsideen begnügt hätte? Webern war gewiss der einfachste Komponist der Wiener Schule. Bei Runnicles waren die Melodien zu laut und die Begleitung zu belanglos; der Gedanke dieser Generation, dass Akkorde zusammengeklappte Linien, Melodien ausgefaltete Akkorde sind, beides also gleichberechtigt auseinander hervorgeht, war hier nicht zu bewältigen. Schöner gelangen die Sieben frühen Lieder von Alban Berg, wenngleich auch hier der breite, satt gefärbte Strom einiges an Feinheit mit sich riss. Der zurückhaltende Gesang von Soile Isokoski hatte die Möglichkeit eröffnet, den Verflechtungen von Gesang und Orchester genauer nachzugehen, entschieden genutzt wurde sie nicht. Runnicles, so scheint es, braucht größere Formate. Das zeigte er in Mahlers Erster Sinfonie. Seine Interpretation des Kopfsatzes war auf der Höhe der Zeit, sie löste die Reste der Sonatenform fast völlig auf. Selten hat man so deutlich wahrgenommen, dass nicht Mahlers Themen die Form treiben, sondern seine auf den Durchbruch zielende Klangfantasie: Von der kargen Einleitung aus entwickelte Runnicles ein mal lastendes, mal luftiges, Geschehen, in dem das zitierte »Ging heut morgen übers Feld« wirklich wie ein Zitat stand und nicht zur Stimme des sinfonischen Subjekts wurde. So verband sich bei Runnicles mitreißendes Musizieren mit erhellender Distanz. Auch dort, wo Runnicles' Interpretation weniger erhellend war, riss sie immer noch mit: das Publikum und zugleich das entfesselte, sehr schön klingende Orchester.
