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Berliner Morgenpost, Kultur | 09.01.2009
Felix Stephan
Ein perfekt gescheitelter Mozart
Leif Ove Andsnes ist kein Überwältigungskünstler, kein Klangmagier. Der norwegische Pianist mit dem Image des grübelnden Einzelgängers legt sein Herz nur ungern zu Füßen seines Publikums. Schade.
Denn gerade Mozarts betörendes A-Dur-Klavierkonzert KV 488 lebt von der Freizügigkeit seines Interpreten.
Das Deutsche Symphonieorchester unter der Leitung des 81-jährigen Herbert Blomstedt tat sein Bestes. Doch gegen Andsnes zugeknöpften, perfekt gescheitelten Mozart konnte es wenig ausrichten. Kühle Noblesse und nüchterner Minimalismus vertrieben den lieblich leuchtenden Orchesterklang. Am Anfang der zweiten Konzerthälfte war deutlich zu merken: Das DSO wollte den blassen Mozart-Eindruck so nicht stehen lassen.
Bruckners kolossale Dritte Sinfonie eilte dem Ensemble zur Hilfe - ein Werk, das die Musiker schon vor Jahren durch den ehemaligen Chefdirigenten Kent Nagano bedingungslos lieben gelernt hatten. Die Hoffnung, dass Blomstedt diese liebevolle Hingabe erneut entfachen könnte, wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Das Orchester kniete sich in Bruckners Dritte hinein, als spielte es um sein Leben.
Die struppige, zerklüftete Urfassung von 1873 erklang in überwältigender Pracht. Mit Vergnügen und Gelassenheit zugleich durchdrang Blomstedt den Brucknerschen Klangkosmos. Er erzeugte knisternde Spannung. Er inszenierte fatale Stürze ins Leere. Er zelebrierte himmlische Längen und gigantische Aufschwünge. Famos, wie die Streicher auf Zehenspitzen ins Scherzo huschten, um wenig später von den brutalen Blechbläsern festgenagelt zu werden. Der Kampf zwischen den sich wild aufbäumenden Streichern und dem stolz geschwellten Blech gipfelte schließlich im Finale.
Tagesspiegel, Kultur | 09.01.2009
Frederik Hanssen
Kosmisch
Herbert Blomstedt ist jetzt 81 Jahre alt: Ein freundlich lächelnder Herr mit beneidenswert elastischem Schritt – und der stillen Autorität eines Zen-Meisters. Ganz erstaunlich, wie er mit bloßen Händen und innerem Willen den Klang des Deutschen Symphonie-Orchesters formt.
Von geradezu edelmetallischem Glanz ist Blomstedts Mozart-Sound, fast ohne Bassfundament, dominiert vom leichten, schwebenden Klang der hohen Streicher. Köchel-Verzeichnis Nr. 488 wird so zum Konzert für Orchester und Klavier: Denn die Impulse gehen hier stets vom instrumentalen Kollektiv aus. Solist Leif Ove Andsnes spielt zwar technisch tadellos, trifft den galanten Gestus des Werkes durchaus, aber es fehlt ihm der Wille, die gewonnenen Erkenntnisse ans Publikum weiterzuvermitteln. Darum bleibt Andsnes’ Interpretation letztlich flach, ohne individuelles Relief, während Blomstedt und das DSO tausend wunderbare Details finden und vorzeigen.
Getragen von Altersweisheit ist anschließend auch Blomstedts Plädoyer für die Urfassung von Anton Bruckers dritter Sinfonie. Bedrängt von wohlmeinenden Freunden und dem Widerstand der Wiener Philharmoniker hat der Komponist sein Werk zwei Mal massiv umgearbeitet, Gewagtheiten geglättet, Proportionen ausbalanciert, um seinen verschreckten Zeitgenossen entgegenzukommen. Was für ein meisterlicher Wurf aber bereits die Erstfassung von 1873 war, ist an diesem Abend in der Philharmonie zu erleben: Ganz organisch, mit größter Selbstverständlichkeit lässt Blomstedt diese ungeheuerliche Musik entstehen – und die Musiker des DSO sind von diesem Deutungsansatz hörbar fasziniert, folgen ihm hochkonzentriert und klangprächtig.
Da gibt es keine schroffen Kontraste, keine gegeneinander gesetzten Blöcke, wie andere Dirigenten sie in der Dritten entdecken, sondern nur grandiose ozeanische Wellenbewegungen, ein stetiges, mal sanftes, mal sausendes Auf und Ab, von kosmischen Mächten wundersam gelenkt. Selbst das Finale erhält bei Blomstedt einen versöhnlichen Charakter, wie Gischt spritzen die Fortissimo-Entladungen des vollen Orchesters heraus, doch schon im nächsten Moment ist die Harmonie erneut hergestellt, sind die Kräfteverhältnisse wieder ausgeglichen. Ein Naturereignis.
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