Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 

Silvesterkonzert im Tempodrom mit Artisten des Circus Roncalli

Der Tagesspiegel Kultur | 02.01.2009 Matthias Nöther Beethovens finster-kämpferische ›Coriolan‹-Ouvertüre ist sicherlich nicht das geeigneteste Stück für ein Silvesterkonzert. Doch wenn die Kanzlerin Deutschland auf »ein Jahr der schlechten Nachrichten« einschwört, muss man sich nicht wundern, wenn in Berlin gerade Kulturschaffende noch vor Jahresende dazu irgendwie Stellung beziehen. Werden doch erfahrungsgemäß auch sie in einer Rezession mit »schlechten Nachrichten« konfrontiert. In seinem traditionellen Konzert am Silvesternachmittag im Tempodrom begegnet das Deutsche Symphonie-Orchester unter Leitung von Pietari Inkinen den politischen Kassandrarufen ziemlich elegant. Programmpunkte wie Schönbergs Arie aus dem ›Spiegel von Arkadien‹ (mit verführerischem Sopran: Measha Brueggergosman) oder Walzer von Franz Schreker sind durchdacht und handverlesen. Vor allem die Tanz-Symphonie ›La valse‹ spielt man zu Silvester wohl nur, wenn man etwas anderes sagen will als ›Freude schöner Götterfunken‹. Dass die Wahl auf Ravels apokalyptische Vision einer kopflos ins Delirium sich tanzenden Wohlstandsgesellschaft fiel, hat auch künstlerisch Sinn. Das DSO liefert, dem Anlass entsprechend, wirkungsvolle Zirkusmusik und gleichzeitig einen Kommentar zum akrobatischen Geschehen in der Manege. Dieses ist atemberaubend. Mitglieder des Zirkus Roncalli schwingen sich ohne Netz am Trapez, bauen menschliche Pyramiden und ein frei im Raum schwebendes Gebilde aus Holzscheiten. Als sieben Menschen das Hochseil mit Fahrrädern befahren, muss auch das Orchester schweigen und den Atem anhalten – bis der Clown David Larible alles in lautes Lachen auflöst. Dagegen hilft auch nicht der schönste Kassandraruf.