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Humperdincks ›Königskinder‹ in konzertanter Aufführung

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton | 23.12.2008
Jan Brachmann

Sie konnten zusammen nicht singen

Nur im Orchester reimt es sich noch: Die Märchenopern von Engelbert Humperdinck machten Wagners Erzähltechnik volkstümlich. In München bot man jetzt ›Dornröschen‹, in Berlin ›Die Königskinder‹

Engelbert Humperdincks ›Hänsel und Gretel‹ ist eine Oper, die gern um 14 Uhr anfängt. Die Kinder sollen danach ja noch rechtzeitig ins Bett kommen. Und für Kinder wird ›Hänsel und Gretel‹ in der Vorweihnachtszeit gern gespielt, gegenwärtig auch an der Deutschen Oper Berlin. Meistens inszeniert man das Stück dann so, dass die Regie auf all die Entlarvungen verzichtet, die es den Erwachsenen unserer Tage sonst zumuten zu müssen glaubt: Menschenhandel, Prostitution, Kindesmissbrauch.

[...] Ulf Schirmer, der Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters, und Ingo Metzmacher, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO), haben sich wohl gesagt, dass in der Vorweihnachtszeit die Bereitschaft, Humperdinck zu hören, größer sei als sonst. [...] So leistete sich das DSO in der Berliner Philharmonie zwei groß besetzte konzertante Aufführungen einer weiteren Märchenoper, ›Die Königskinder‹, die 2005 und 2007 in München und Zürich auch szenisch zu erleben war.

Humperdincks handwerkliche Souveränität ist unbestreitbar und steht jener seiner Zeitgenossen Richard Strauss und Gustav Mahler in nichts nach. Zwar hat er seine Meisterschaft nicht als nervöse Virtuosität inszeniert wie Strauss, und sein Volkston ist kaum so in der Seele angeknackst wie bei Mahler. Aber Humperdinck ist es wesentlich zu verdanken, dass die avancierte Harmonik Richard Wagners und dessen komplexe Erzähltechnik des Orchesters volkstümlich wurden. Insofern hat der seinerzeit sehr populäre Humperdinck a posteriori den Boden bereitet, in dem Wagner Wurzeln schlagen konnte.

[...] Ursprünglich hatte Humperdinck auch ›Die Königskinder‹ 1897 als Melodram angelegt - und zwar durchgängig. Sogar eine eigene Notationsweise, die dem Sprechen ungefähre Tonhöhen vorgab, ersann er dafür und nahm damit Verfahrensweisen Arnold Schönbergs vorweg. Doch die Ablehnung dieser Neuerung durch das Publikum war so einhellig, dass Humperdinck das Melodram schon in ›Dornröschen‹ wieder einschränkte und von den ›Königskindern‹ schließlich 1910 eine neue Fassung als durchkomponierte Oper für die New Yorker Met schrieb.

Die klangschöne, nuancierte Aufführung des DSO und des Rundfunkchors Berlin unter Metzmacher ließ erkennen, wie reflektiert sich Humperdinck dem Problem des Singens und Sprechens in der Oper nach Wagner hier stellt. Es ist nämlich das Orchester, das eigentlich singt. Das Orchester folgt noch jenen Formen mit korrespondierenden Melodiezeilen, wie man sie aus der Reimlyrik und den Umläufen des Tanzes kennt. Das Orchester ist das Reich des Vor- und Übersprachlichen, wohingegen die handelnden Figuren in einer freien Prosamelodik singen, die sich weit mehr am Sprechen als als am Lied oder an der traditionellen Arie orientiert. Selbst die Königskinder (Juliane Banse als Gänsemagd voll warmer Lyrik und Klaus Florian Vogt als kindlich-heller Königssohn) sind aus dem Paradies eines rein musikbestimmten Singens schon ausgeschlossen. Nur noch die Kinder (der Berliner Mädchenchor) und der Spielmann (glanzvoll: Christian Gerhaher) leben in jenen alten Formen, in denen Singen, Sagen und Tanzen eins sind.

Wenn das Kunstmärchen eine reflektierte Antwort auf die metaphysische Verzweiflung in einer entzauberten, verheißungslosen Welt ist, so hat Humperdinck diese Reflexivität ins Technische des Komponierens übersetzt: Das Nicht-Logische und das Übersprachliche spiegeln sich bei ihm ineinander. Für beides baut Humperdincks Musik Schutzräume, die nicht nur Kindern Zuflucht vor mancher Zumutung bieten und die aufzusuchen manchmal sogar ein Zeichen von Klugheit sein könnte.




Rheinischer Merkur, Kulturkulisse | 18.12.2008

Berlin, Philharmonie: ›Königskinder‹ von Engelbert Humperdinck

In helle Begeisterung versetzte vor knapp einem Jahrhundert die Uraufführung dieser Märchenoper das Publikum der New Yorker Met. Im Schatten von ›Hänsel und Gretel‹ erscheinen die ›Königskinder‹ nicht mehr oft auf der Bühne. Das mag man nicht glauben unter dem Eindruck der konzertanten Darstellung, die Ingo Metzmacher mit dem DSO, zwei Chören und 14 Solisten der tragischen Geschichte von den jungen Leuten widerfahren ließ, die als Erlöser verkannt werden. Mit drei wunderbaren Interpreten der Hauptpartien (Juliane Banse, Klaus Florian Vogt und Christian Gerhaher) beschwor Metzmacher das Werk als ergreifenden Höhepunkt deutscher Spätromantik herauf.




Berliner Morgenpost, Kultur und Medien | 21.12.08

Metzmacher erweckte die ›Königskinder‹

Im Grunde fehlten nur die dressierten Gänse. Die Metropolitan Opera in New York hatte sie als schnatternde Beigabe Geraldine Farrar zugesellt, als die in der Uraufführung von Humperdincks ›Königskinder‹ am 28. Dezember 1910 die Rolle der Gänsemagd sang. Selbst als Farrar am Schluss unter Jubel allein vor den Vorhang trat, trug sie eine lebende Gans unter dem Arm. Damit konnte die konzertante Aufführung des Werkes unter Ingo Metzmacher in der Philharmonie freilich nicht dienen.

Das war kein Verlust für die immerhin dreistündige Aufführung, gestützt auf das vorzügliche Deutsche Symphonie-Orchester, den (wie immer) hervorragenden Rundfunkchor, den liebenswürdigen Berliner Mädchenchor und einige Parade-Solisten. Metzmacher legt mit sanfter Entschiedenheit Humperdincks kompositorische Könnerschaft dar, die Kunst seiner Rollenzeichnung, seinen seelischen Spürsinn. Er stimmt geradezu einen Endlos-Hymnus auf die Liebe an, die sich buchstäblich ihr eigenes Grab zu graben gezwungen ist.

Die drei Akte sind ungleich gut. Der stärkste ist der Schlussakt. Der erste litt allerdings auch an einigen Unzulänglichkeiten. Juliane Banse als Gänsemagd ersang sich nicht von Anfang stimmlich die Königskind-Gloriole. Die fiel ihr erst voll und ganz und ergreifend im Finalakt zu. Gabriele Schnaut schnaubte die Hexe. Als wahrer Wundermann im Tenorfach erwies sich Klaus Florian Vogt, ein Märchenprinz vom Scheitel bis zur Sohle, den Kehlkopf dabei nicht zu vergessen. Ihm ebenbürtig der gestaltungsmächtige Bariton von Christian Gerhaher, der den Spielmann sang, assistiert von dem imponierend tiefstimmigen Andreas Hörl. Stephan Rügamer lehrte, dass das Besenbinden eine feine Kunst zu sein hat. Als Wirtstochter säuselte und keifte sich Jacquelyn Wagner aus dem Podiumshintergrund energisch über die Rampe. Donnernder Beifall.




Berliner Zeitung, Feuilleton | 17.12.08
Wolfgang Fuhrmann

Von außerordentlich musikalischem Reiz
Ingo Metzmacher dirigierte Humperdincks ›Die Königskinder‹ in der Philharmonie

Es weihnachtet sehr. An der Deutschen Oper läuft gerade wieder Engelbert Humperdincks klassische Weihnachtskinderoper ›Hänsel und Gretel‹, und in der Philharmonie führte Ingo Metzmacher mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Humperdincks nahezu unbekannte Märchenoper ›Die Königskinder‹ am Montag konzertant auf, komplett mit Kinderchor, Hexe, Prinz und Gänsemagd. Wer sich davon allerdings eine herzerwärmende Adventsbotschaft erwartete, wurde recht grausam enttäuscht. Das Libretto von Elsa Bernstein (veröffentlicht unter dem Pseudonym Ernst Rosmer) bietet nämlich das Gegenteil von Versöhnung. Die Königskinder - ein echter, aus Mutwill durch die Gegend vagabundierender Königssohn und eine von einer Hexe großgezogene, aber grundgute Gänsemagd - scheitern an der Welt so grandios, wie man nur scheitern kann. Allein die, die reinen Herzens sind - die Kinder und ein verlachter Spielmann - erkennen ihren wahren Wert; die kompakte Majorität hingegen, die habgierigen und notgeilen Bürger der Stadt Hellabrunn schicken sie ins Elend. Und weil sie nicht erfroren sind, gehen sie vergiftetem Zauberbrot zugrunde, das ihnen in die Hände fällt.

Diese triste Fabel, noch dazu in einer teils symbolistisch überhöhten, teils verkrampft naiv wirkenden Kunstsprache ausgebreitet, konnte auch nicht eine der schönsten Partituren der Jahrhundertwende, in der Volkston und schimmernde Orchesterraffinesse, Gesanglichkeit und Leitmotivik wie selbstverständlich ineinander übergehen, für das Repertoire retten. Allerdings hat ihr außerordentlicher musikalischer Reiz jüngst zu einigen Neuproduktionen geführt, 2005 in München, 2007 in Zürich, schon dort unter Metzmachers Leitung. Mit dem DSO aber hat Metzmacher eine noch viel innigere, durchsichtig-feine, beschwingte und zart nuancierte Interpretation geschaffen als mit dem Zürcher Opernorchester. Mag sein, dass dieses todtraurige Märchen über eine im Kern verfaulte Welt im Klang des fabelhaften DSO etwas zu hochglanzpoliert daherkommt - dass dem nach wie vor am Deutschen in der Musik interessierten Metzmacher gerade dessen heimlich-unheimlichen Zwischentöne nicht liegen, war schon seinerzeit bei Pfitzners ›Von deutscher Seele‹ zu merken. Aber rein musikalisch betrachtet war es eine souveräne Aufführung, rücksichtsvoll auch für die Sänger geführt.

Juliane Banse ist mit ihrer natürlich klingenden Stimme fast eine Idealbesetzung für die Gänsemagd, auch wenn die hohen Töne manchmal etwas flackern. Klaus Florian Vogt führt seine Stimme so kultiviert wie kaum ein Tenor der Gegenwart - seine monochrom-helle Färbung verströmt eine Art von vorpubertärer Jugendlichkeit, die die Unerfahrenheit des Königssohns gut malt, deren Neutralität aber dem Liebenden kaum gerecht wird. Die durchwegs überzeugendste stimmliche Leistung aber lieferte der Bariton Christian Gerhaher als Spielmann - sieht man einmal von seiner Angewohnheit ab, beim Singen auf- und abzuwippen. Und den einzigen Schwachpunkt des Abendes bildete Gabriele Schnaut als Hexe, die ihre Rolle als Anlass nahm, stimmlich ungenau und unschön zu singen.

Vielleicht hätte man aus der konzertanten Aufführung noch mehr an dramatischem Effekt herausholen können; das Ganze hatte doch sehr Oratoriencharakter, und manche kleineren, aber nicht unwichtigen Partien waren klanglich unvorteilhaft mitten im Orchester positioniert. Dennoch jubelte das Publikum - als wollte es einen kulturpolitischen Kommentar abgeben. Denn dank eines wohl nicht ganz zufälligen Zusammentreffens erreichte uns just am Tag der Aufführung die Pressemeldung, dass die Intendanz der Rundfunk-Orchester- und Chöre-GmbH (ROC), zu der das DSO gehört, das Interesse ihrer vier Gesellschafter Deutschlandradio, Bund, Berlin und RBB an einer Vertragsverlängerung Ingo Metzmachers bekannt gab. Diese etwas ungewöhnliche Ankündigung erklärt sich leicht. Die Verhandlungen über Metzmachers Verlängerung nach 2009/10 sollten Ende 2008 beendet werden. Nun stehen aber zu Beginn 2009 bei den vier Gesellschaftern Neuverhandlungen über das künftige Budget der ROC an. Metzmacher hat Forderungen gestellt, er sieht die finanzielle Grundausstattung seines Orchesters nicht ausreichend gewährleistet. So stellt es ein Entgegenkommen des Dirigenten dar, dass er die Verhandlungen nicht bis zum Stichtag Silvester 2008, sondern bis zum 16. Februar 2009 weiterführen will. Umgekehrt zeigen die Gesellschafter, dass sie eine Verlängerung Metzmachers begrüßen würden. Und nicht nur sie. Eine zweite Ära Metzmacher könnte zu einem recht verspäteten Weihnachtsgeschenk für das musikalische Berlin werden.




Tagesspiegel Kultur, Kurz & Kritisch | 17.12.08
Daniel Wixforth

Es muss nicht immer gleich Walhall brennen

Als Ingo Metzmacher nach fast drei Stunden Musik die unbequem-schwere Stille genüsslich auskostet, sie bis zum Äußersten dehnt, da bleiben zwei Dinge besonders haften: Die Tragödie der ausgestoßenen und nun gestorbenen Königskinder und die Erkenntnis, dass es kein brennendes Walhall braucht, um musikdramatische Gesellschaftskritik zu üben. Engelbert Humperdincks Märchenoper Königskinder besitzt die Wagnersche Radikalität gewiss nicht – auch nicht musikalisch, obgleich hier vieles an den Bayreuther erinnert. Dafür haftet dem Stück ein zeitlos-spielerischer Ton an, den das DSO in der Philharmonie facettenreich aufgreift, ihn aber durch subtile musikalische Dramatik immer wieder infrage stellt (wieder am heutigen Mittwoch, 19 Uhr). Ob beim aufschreckend dissonanten Akkord am Beginn des dritten Aktes oder bei der Dekonstruktion der Anfangsmotivik: Das tragische Ende, das selbst dieser konzertanten Aufführung innewohnt, wird vom Pult aus früh angekündigt. Die Gänsemagd bekommt davon zum Glück nichts mit. Juliane Banse besticht durch Naivität. Sie singt einen unaufdringlichen und emotional doch aufgeladenen Sopran, dass ihr »Vater! Mutter! Hier will ich knien!« zum Höhepunkt der Aufführung wird. Auf solch hohem Niveau bewegt sich auch Christian Gerhaher als Spielmann, dessen Bariton zwischen Klage und Verzweiflung eines ebenfalls von der Gesellschaft Verbannten schwebt. Gabriele Schnaut als Hexe und Klaus Florian Vogt als Königssohn wirken dagegen zu kraftlos, um sich durchzusetzen gegenüber einem DSO, das an diesem Abend so verblüffend vieles mitzuteilen weiß.

 

 
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