Zwei Debüts beim DSO: Yannick Nézet-Séguin & Lisa Batiashvili
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Feuilleton | 23.11.2008
Eleonore Büning
Karlsson sucht den Knopf zum Fliegen
Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin setzt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in Flammen.
Berlin. Streng genommen ist es kein Debüt. Der franko-kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin, 33 Jahre jung, war schon mal in Berlin zu hören gewesen, im März dieses Jahres. Damals dirigierte er das Rundfunksinfonieorchester Berlin, ein gutes Konzert, das aber keine weiteren Kreise zog. Das war, bevor sich das »Wunder Yannick« in Salzburg ereignete, als dieser weithin Unbekannte die rutschfeste Langeweile einer Hochglanzopernpremiere in der Felsenreiterschule aufbrach, woraufhin sein unpraktisch langer Name am nächsten Tag plötzlich in aller Munde war. Jetzt ist die Philharmonie bis hinauf zu den Sonderplätzen ausverkauft. Alles, was Beine und Ohren hat in der Stadt, ist gekommen, neugierig darauf, ob die Wundertüte hält, was sie verspricht.
Liegt es an der Banalität des Stückes? Liegt es an den zu schnellen Tempi oder an dem dynamischen Überdruck, womit Nézet-Séguin das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin gleich zu Anfang überfordert, so dass ihm erst ums Haar die Kontrabässe entgleisen und sich später fast die Flötengruppe selbstständig macht? Seine Schlagtechnik isst tadellos. Aber über Peter Tschaikowskys Orchesterphantasie »Francesca da Rimini« ist noch das Beste, was sich sagen ließe: Sie macht Effekt. Und nichts geht richtig zusammen. Die Liebesmelodie (ein russisches Volkslied) steckt fest im groben Korsett des Dante-Infernos, zu dessen unsortiertem Gelärme die die dramatischen Grimassen und die dämonische Armgymnastik von Yannick Nézet-Séguin fast wie eine Dirigentenkarikatur wirken. Verhaltener Beifall. Mutter und Vater Nézet-Séguin in Block A, Reihe neun, rutschen unruhig auf ihren Sitzen. Doch dann stellt sich heraus: Dieses Konzert zündet wie eine Rakete Stufe für Stufe. Es geht Stück für Stück besser, heißer, höher hinauf.
Nach dem unrunden Tschaikowskybrocken wirkt das Solo, womit das zweite Violinkonzert g-Moll von Prokofjew beginnt, feiner als es ist, elegant, seelenvoll. Immer noch passt nichts zusammen, doch immerhin, diesmal spielt jeder seinen Part annähernd perfekt. Lisa Batiashivili, die Makellose, ist von allen jungen Geigern ihrer Generation heute die mit der besten Technik. Selbst die schwierigsten Passagenin diesem seltsam unterkühlten WErk gelingen ihr wie ein Kinderspiel - und nebenan, auf dem Nachbarspielplatz, tummelt sich das Orchester.
Als Zugabe spielt Batiashvili, die aus Georgien stammt, Stalins Lieblingslieb: »Suliko«, das begleitende Balalaikagezupfe wird kongenial vom Streichquartett der ersten Pulte imitiert, Nézet-Séguin, überflüssig geworden, steht am Rand und wippt mit. Ein Feuerwerk die dritte Stufe, nach der Pause: das klangfarbenverrückte, polyphone Labyrinth von Claude Debussys »Jeux«. Man hört sofort: Das wurde richtig geprobt! In dieser gläsernen Transparenz, mit dieser Fülle von Feinabstufungen war das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin lange nicht zu hören.
Und die seltsam kickboxerartige Körpersprache des kleinen, jungen Dirigenten, bei der man, ob man will oder nicht, immer wieder an Karlsson vom Dach denken muss, wie er nach dem Knopf zum Fliegen sucht, erscheint mit einem Male nicht mehr komisch, sondern wie flüssige Energie. Alles passt und fügt sich, jede Bewegung geht ganz auf in Musik.
Dann fliegen sie los. Die zweite »Daphnis et Cloé«-Suite von Ravel ist reine Wollust, Madame Séguin-Nézet in Reihe neun, Block A gerät ganz aus dem Häuschen, auch der Papa, die Musiker auf dem Podium, der ganze Saal explodiert in Ovationen.
Süddeutsche Zeitung, Feuilleton | 25.11.2008
Jörg Königsdorf
Verschwende deine Jugend
Dirigent Yannick Nézet-Séguin in der Berliner Philharmonie
Sie sind gerade mal 30 Jahre alt und schon so gut, dass alle älteren Kollegen um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen. Mit Macht und einer ungeheuren Dynamik stürmt derzeit eine neue Kapellmeistergeneration auf die Konzertpodien. Und egal, aus welchem Weltenwinkel sie kommen - diese Überflieger bringen nicht nur eine beängstigende Souveränität im Umgang mit kniffligsten Partituren mit, sondern auch eine gemeinsame Grundüberzeugung: Mit Ideologien haben Taktstock-Champions wie beispielsweise der Norweger Eivind Gullberg Jensen, der Ossete Tugan Sokhiev oder auch der Venezolaner Gustavo Dudamel (um nur drei der bekanntesten Vertreter zu nennen) nichts am Hut. Denn ihr Weg zu Beethoven, Tschaikowsky und Puccini geht über die Oberfläche der Musik, über den schönsten, sattesten, oft auch lautesten Klang, und ihre Interpretationen künden nicht von Weltschmerz und Kunstgrüblertum, sondern von strahlender Selbstgewissheit der Musik - und ihrer Dirigenten, die dabei die sozusagen maximale Partitur-Rendite erzielen.
Auch der Franko-Kanadier Yannick Nézet-Séguin gehört zu diesen dirigierenden Durchstartern: Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen wurde er mit Charles Gounods Oper »Roméo et Juliette« gefeiert, demnächst beerbt er Valery Gergiev bei den Rotterdamer Philharmonikern, und auch das Deutsche Symphonie-Orchester nimmt der 33-Jährige jetzt in der Berliner Philharmonie im Sturm.
Schon Tschaikowskys ausladende Dante-Phantasie »Francesca da Rimini« wird einer klaren Start-Ziel-Dramaturgie untergeordnet. Nézet-Séguin weiß ganz genau, wie viel Raum er dem Liebesschwelgen der Streicher einräumen darf, ohne den roten Faden zu verlieren. Mit kraftvollen Ganzkörperbewegungen hält er die Musiker am kurzen Zügel, zwingt jedem Instrument Präzision und seine sehr diesseitige 3D-Klangvorstellung ab. Das ist Musik zum Anfassen - entpuppt sich dabei allerdings eher als ein großes Orchesterspektakel denn als romantische Phantasie.
Dem Abstieg zur Hölle, den Tschaikowsky zu Beginn ausmalt, fehlt es an Suggestionskraft. Statt schneidendem »Weh!« und »Ach!« der Verdammten hört man bloß ein seidenweiches Streichermotiv. Eine Unterwelt im milden Licht. Die Einfühlung in die Seelennöte des 19. Jahrhunderts ist Nézet-Séguins Sache (noch) nicht, auch Doppelbödigkeit und Sarkasmus, wie sie Sergej Prokofjews in der Pariser Emigration entstandenes zweites Violinkonzert braucht, liegt ihm ebenso wenig wie der handzahmen Solistin Lisa Batiashvili. Allzu konfliktfrei gleitet das Stück an seiner neoklassischen Pseudo-Mozart-Oberfläche entlang, selbst wenn Fagott und Kastagnetten im Finale ihren Spott ausschütten und zur Hatz auf das Soloinstrument blasen, bleibt der Ton in der Philharmonie rund und gesittet.
Meist allerdings wirkt es, als wolle Nézet-Séguin einfach nur, dass alle Musik so kraftvoll und energiegeladen zu sein habe, wie er selbst ist. Schwächen und Andeutungen werden nicht geduldet, was zählt, sind die hard facts. Auch bei Debussys Tennisspielballett "Jeux" hält sich Nézet-Séguin nicht lange mit höflichen Gesten auf. Keine erotischen Subtilitäten und eleganten Bewegungen in Herrenstrumpfhosen, sondern harte Aufschläge und Hochleistungssport in praller Mittagshitze sieht er in dem 1912 vollendeten Stück. Trompeten stechen wie gleißende Sonnenstrahlen, vor der Überhelle eines Streicherunisonos schließt man unwillkürlich die Augen, um nicht geblendet zu werden. Und auch Ravels berühmte zweite Suite aus dem Schäferballett »Daphnis und Chloé« schweift nicht in die Fernen von Antike oder Rokoko, sondern gewinnt eine faszinierende Detailpräsenz und Gegenwärtigkeit: Schon im »Lever du jour« scheint jeder morgendliche Vogelruf im Stimmgewirr der Holzbläser von unbändiger Lebenskraft zu künden, die abschließende »Danse générale«, in dem Altmeister wie Riccardo Chailly die Vorechos eines Weltenzusammenbruchs erhorchten, wird bei Nézet-Séguin zum Rausch von Klang und Rhythmus. So schön und maßlos, wie das Leben mit 30 Jahren sein kann.
Der Tagesspiegel, Kultur | 23.11.2008
Frederik Hanssen
Wer oben ist, darf in die Tiefe gehen
Im Sommer wurde er bei den Salzburger Festspielen gefeiert, gerade hat er die Nachfolge Valery Gergievs bei den Rotterdamer Philharmonikern angetreten. Die Erwartungshaltung ist also groß vor Yannick Nézet-Séguins erstem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester. Der 33-jährige Kanadier betritt die ausverkaufte Philharmonie festen Schritts, baut sich auf dem Podium auf und beginnt, Energie ins Orchester zu pumpen. Raumgreifend ist seine Gestik, der ganze Körper gerät in Bewegung: Doch das Armewerfen ist keine Show, der schaufelnde Aktionismus dient dazu, den inneren Puls der Musik zu vermitteln. Für Yannick Nézet-Séguin gilt, was 1976 über den jungen Simon Rattle geschrieben wurde, als er in Berlin beim selben Ensemble debütierte, das damals noch Radio-Symphonie-Orchester hieß: »Dirigenten bringen es wie Rekordschwimmer in immer jüngerem Alter zu einer technischen Versiertheit, die man früher erst nach vielen Jahren des Ausprobierens und Irrens erwarb.« Ob Tschaikowskys ›Francesca da Rimini‹, ob Prokofjews 2. Violinkonzert (mit der grandiosen Lisa Batiashvili), ob Debussys ›Jeux‹ oder Ravels ›Daphins et Chloé‹: Nézet-Séguin koordiniert die Klangmassen souverän. Was allerdings den Kapellmeister vom Dirigenten unterscheidet, nämlich die Fähigkeit, den Stücken Charakter zu verleihen, ihr individuelles Parfum, wird allenfalls ansatzweise spürbar. Den horizontalen Überblick über die Möglichkeiten eines Orchesters hat der Maestro aus Montréal schon: In Zukunft darf er getrost in die Tiefe gehen.
Berliner Morgenpost, Kultur & Medien | 23.11.2008
Klaus Geitel
Nézet-Séguin heißt der neue Pultheld
Es war, als fiele einem gleich zu Konzertbeginn das komplette, in Musik verwandelte 19. Jahrhundert auf den Kopf.
Yannick Nézet-Séguin (33), der in Salzburg zum jungen Superstar erhobene Jung-Dirigent, eröffnete sein Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie mit einer Tschaikowsky-Klamotte, die man heutzutage nur noch selten zu hören bekommt: die »symphonische Fantasie nach Dante«, die »Francesca da Rimini« feiert, beklagt und am Ende wie mit dem kompositorischen Holzhammer erschlägt. Nézet-Séguin verstand, ihn, als Taktstock verkleidet, prachtvoll zu schwingen.
Er ist ein Dirigent sprühend vor Temperament, Energie, Eindringlichkeit. Er tanzt dem Orchester anschaulich vor, wie es zu spielen habe. Das Ergebnis: Es spielt ausgezeichnet. Am schönsten vielleicht in Debussys selten zu hörendem ›Jeux‹, dem Tennis-Ballett der Liebe, in dem Nijinsky, tanzend, gewissermaßen vorab die Rolle eines späteren Boris Becker übernahm. Auch bei Debussy rollt der Liebesball unaufhaltsam ins Aus.
Dazwischen spielte die zauberhafte Lisa Batiashvili das 2. Violinkonzert von Prokofjew, im 2. Satz geistreich und einfühlsam die gute, alte Geigenseligkeit hervorkitzelnd. Im Finalsatz dann voll Lust und Laune und bestrickender Technik sich in die Rasanz hochgekitzelter Virtuosität stürzend: eine Geigerin von Format. Das bewies sie auch in der Wahl ihrer Zugabe: einem gedankenverlorenen, entzückenden Lied ihrer georgischen Heimat.
Ein warmer Regen der Melodie, bevor Ravel mit seiner Suite aus "Daphnis und Chloe" wieder voll den Hahn aufdrehte. Die ›Danse générale‹ des Finales schoss mit atemberaubender Wucht unter den Händen von Nézet-Séguin hervor. Die Musikwelt hat mit ihm einen neuen Helden.
Berliner Zeitung, Feuilleton | 24.11.2008
Jan Brachmann
Der bewegte Mann
Der Jung-Star Yannick Nézet-Séguin dirigiert das DSO
Der Strubbelkopf des kanadischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin war am Freitag zu einem kecken Stirngipfel-Zipfel verdichtet. Damit sah der 33-Jährige erst recht aus wie frisch geschlüpft. Gemessen an der Regel, dass ein Dirigent mit Eintritt ins siebte Lebensjahrzehnt den Höhepunkt seiner Kunst erreicht, ist Nézet-Séguin wirklich ein Küken. Aber er kann schon eine ganze Menge, und die große Welt hat's jetzt auch gemerkt.
Vor zwei Jahren dirigierte er erstmals in Deutschland; sein Berlin-Debüt gab er am 8. März 2008 beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dessen Orchesterdirektorin Maria Grätzel eine besonders glückliche Hand dabei hat, große Begabungen - etwa den Esten Kristjan Järvi und den Letten Andris Nelsons - früh zu entdecken. Im Sommer schließlich rettete Nézet-Séguin bei den Salzburger Festspielen durch seine Energie und seine musikalische Intelligenz die Produktion von Charles Gounods Oper "Roméo et Juliette" vor der völligen Belanglosigkeit. Das hat sich herumgesprochen. Und deshalb war die Philharmonie nun fast überfüllt, deshalb waren auch die Musikkritiker überregionaler Zeitungen - was eher selten passiert - zu einem Sinfoniekonzert gekommen, um das Debüt von Yannick Nézet-Séguin beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) zu erleben.
Der junge Mann erwies sich als ein Künstler von enormer Entschiedenheit. Und zwar einer Entschiedenheit, die auch widerstrebende Prozesse, die gleichzeitig ablaufen, konsequent gestalten kann. Peter Tschaikowskys sinfonische Dichtung »Francesca da Rimini« beginnt ja mit dem Kräftekonflikt von Liegetönen und linearer Bewegung, wobei die Liegetöne immer wieder zu plötzlichem harschen Fauchen nach oben ausbrechen. Diese Spannung zwischen Regungslosigkeit und feingliedriger Bewegung ist dem DSO unter Nézet-Séguin prächtig gelungen.
Auch wenn sich der Klang im Forte und Fortissimo bei diesem freilich rau und schroff orchestrierten Stück manchmal festgefressen hat wie ein übertourter Motor, wurde die Spannung hier kaum durch äußeren Druck erzeugt, sondern durch Ausarbeitung dessen, was Tschaikowsky innerlich angelegt hat: eine raffinierte Überlagerung von Rhythmen und große Gesangslinien, die nach dem Vorbild dichterischer Sprache zu artikulieren sind. Das haben die Holzbläser des DSO (Klarinette!), aber auch die Streicher genau verstanden.
Zugabe: Stalins Lieblingslied
Genauigkeit, Besonnenheit, Zielsicherheit zeichnen auch die georgische Geigerin Lisa Batiashvili aus, die mit ihren 29 Jahren schon jetzt zu den Besten ihres Faches gehört. Sie ließ sich im zweiten Violinkonzert von Sergej Prokofjew auf die ständigen Kontraste von Schwärmerei und Spieltrieb ein, ohne beim Schwärmen zu süßlich (dennoch: was für ein schöner Ton!) und beim Rumtoben zu grob zu werden. Ihre Zugabe allerdings könnte Anlass zur Verwirrung sein. Begleitet von fünf Streichern des DSO spielte sie das georgische Volkslied "Suliko", berüchtigt als Lieblingslied des Georgiers Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin. Dmitri Schostakowitsch hat es am Ende seines ersten Cellokonzerts und in seiner satirischen Kantate ›Rajok‹ verwendet als Fratze des Grauens. Natürlich kann das Lied nichts dafür, von Stalin geliebt worden zu sein. Aber nach einem Stück des ziemlich Stalin-affinen Prokofjew ›Suliko‹ zu spielen (und an einem Tag, da in Bern Heidi Tagliavini mit der Untersuchung des russisch-georgischen Kriegs betraut wurde), das könnte fast als politisches Zeichen, wenn auch mit unklarer Bedeutung, verstanden werden.
Das Klare, Entschiedene kehrte dann mit Nézet-Séguin zurück, der Claude Debussys ›Jeux‹ und die zweite Suite aus Maurice Ravels ›Daphnis et Chloé‹ dirigierte. Das DSO ist ja in Berlin fast unübertroffen bei französischer Musik dieser Zeit. Es kann - was hier angebracht ist - Klänge von körperlichen oder seelischen Bewegungen lösen zu einem freien Spiel der Farben. Doch das war die Sache von Nézet-Séguin gerade nicht. Er schien immer auf der Lauer nach dem nächsten Sprung zu sein, nach leiblicher oder psychischer Deutung musikalischer Vorgänge. Sein Bewegungsdrang war immens und verriet den erfahrenen Chorleiter, der pausenlos Sänger motivieren muss, sich nicht hängen zu lassen.
Die große Steigerung im ›Tagesanbruch‹ bei Ravel war mit schöner Voraussicht und klugem Widerstand gegen die Höhepunkt-Verführungen von Ravels Wellendramaturgie gemeistert. Am Schluss der Suite kesselte es dann doch arg. So viel Triangel wäre nicht nötig gewesen. In der Begeisterung des Publikums offenbarte sich eine gewisse Zivilisationsmüdigkeit. Doch was soll's? Hauptsache, Nézet-Séguin hat Temperament und Verstand - Kultur und Maß kann man sich mit etwas gutem Willen erarbeiten.
Kulturradio, Rezensionen | 22.11.2008
Andrea Göbel
Philharmonie Berlin: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin unter Yannick Nézet-Séguin
Ein selbstbewusstes und ehrgeiziges Debüt hat der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin absolviert; er weiß offensichtlich genau, was er will. Mit ausladenden Bewegungen forderte er vom Orchester ein Maximum an Einsatz, und auch technisch verlangte er einiges in einem Programm mit effektvollen, allerdings durchaus heiklen Stücken. Peter Tschaikowskys selten gespielte Sinfonische Fantasie »Francesca da Rimini« etwa enthält gleichermaßen Brillanz wie höchsten Ausdruck fordernde Momente. Die beiden Ballettmusiken von Debussy und Ravel sind dagegen reine Klangzaubereien – und ein wirklicher Härtetest für alle Beteiligten.
Yannick Nézet-Séguin liebt allem Anschein nach die Präzision – deutlich zu spüren in Claude Debussys »Jeux«. Der Dirigent stellte seine Vorliebe für die rhythmischen Spielereien, die winzigen Einwürfe unter Beweis, ließ es hier flackern, dort vibrieren, gestaltete wunderbar weiche, geschmeidige Verzögerungen mit einem hörbaren Lächeln und steigerte sogartig bis zur krachenden Entladung. An der technischen Umsetzung war wenig auszusetzen, und trotzdem wollte die Spannung nicht bis zum Schluss halten. Es fehlte der Klangzauber dieser Musik; zu wenig Varianten, zu wenig Überraschendes wusste er dem Orchester zu entlocken. Den Momenten, die wie Blitze durch die Instrumentengruppen zucken, fehlte der Hochglanz. Ein Manko, das in Maurice Ravels zweiter Suite aus "Daphnis et Chloé" mit ihrem raffinierten, geradezu unverschämt luxuriösen Klangrausch, noch deutlicher zutage trat. Das war eher die alltägliche Variante, wurde rasch sehr massiv und zeigte wenig Spielerisches. Yannick Nézet-Séguin kann man dabei wenig vorwerfen; hier ist vielmehr der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, Ingo Metzmacher, gefordert, grundsätzlich an den klanglichen Defiziten zu arbeiten.
Peter Tschaikowskys »Francesca da Rimini« schien dem Orchester vordergründig besser zu liegen. Yannick Nézet-Séguin kitzelte die Effekte aus dem Stück – mit einer Präzision, die fast millimetergenau berechnet wirkte. Den rasenden Momente blieb er mit genau abgezirkelten Akzenten wie Leichtigkeit gleichermaßen wenig schuldig, es flirrte und brauste; der große Liebesgesang erhielt einige Milliliter Weichspüler zusätzlich. Das funktionierte oberflächlich betrachtet hervorragend, allerdings mehr als Schönwetter-Musik. Dass Tschaikowsky hier Dantes Inferno mit seinen ruhelosen, gepeinigten, vom Wirbelsturm hin- und hergetriebenen Seelen darstellen wollte, wurde nicht unbedingt deutlich; die Dimension des Tragischen, des Düsteren fehlte hier nahezu völlig – ebenso wie die klangliche Durchschlagskraft, die der Dirigent gestenreich einforderte, aber nicht immer bekam. Trotzdem hat Yannick Nézet-Séguin seine Klasse unter Beweis gestellt, auch wenn etwas mehr Tiefgang durchaus nicht geschadet hätte.
Mit noch nicht einmal dreißig Jahren strahlt die georgische Geigerin Lisa Batiashvili bereits eine erstaunliche Reife aus. Sergej Prokofjews zweites Violinkonzert gestaltete sie nicht als vordergründiges Virtuosenstück, sondern mit vielen zurückgenommenen Farbnuancen. Sie kommunizierte wunderbar mit dem Orchester; es war ein Geben und Nehmen von Motiven. Auch die aberwitzigen Schwierigkeiten bewältigte sie mit einer herrlich unterkühlten Motorik in vollkommener Gelassenheit. Was ihr noch fehlt, ist der große Ton; da klang es mitunter etwas dünn. Auch der bei Prokofjew stark vertretene Sarkasmus, wenn da etwa in einem wahren Landschaftsparadies plötzlich eine leere Colaflasche auftaucht – diese Frechheit ist nicht ihre Sache, da ist sie noch zu sehr das nette und brave Mädchen. Bei ihrem Riesentalent kann man jedoch sicher sein, dass sich auch diese Dinge in kürzester Zeit einstellen werden.
