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Berliner Morgenpost, Kultur & Medien | 12.11.2008
Felix Stephan
Mozart-Requiem mal gut mal weniger gut
Gleich zweimal war am Wochenende das Mozart-Requiem zu hören. Zunächst mit dem Karl-Forster-Chor, einem Berliner Laienensemble erster Güte, tags darauf dann mit dem hochprofessionellen Windsbacher Knabenchor.
Es lagen musikalische Welten, wenn nicht gar Universen zwischen den beiden Aufführungen.
Zwar legte sich der Karl-Forster-Chor im Konzerthaus mit amateurhafter Begeisterung ins Zeug. Doch warum bloß hatten sich die Choristen ausgerechnet mit der Kammerphilharmonie Leipzig zusammengetan? Michael Köhler konnte mit seinem schwungvollen Dirigat über eklatante Schwächen des Orchesters nicht hinwegtäuschen. Unter den Gesangssolisten sorgten zumindest die beiden jungen Koreaner Yosep Kang und Hyung-Wook Lee für ein wenig Glanz. Miriam Meyers strenger Sopran und Vanessa Barkowskis blasser Mezzo berührten dagegen kaum.
Während das Konzerthaus eher schütter besetzt war, platzte die Philharmonie am Folgetag aus allen Nähten. Kein Wunder: Neben dem Windsbacher Knabenchor und dem Deutschen Symphonie Orchester hatte sich auch ein erlesenes Solisten-Ensemble eingefunden. Ruth Ziesak präsentierte ihren anmutigen, reich schattierten Sopran. Bodenständig und füllig der Mezzosopran von Monica Groop. Thomas Cooleys enervierender Tenor und Thomas Laskes klangschöner Bass komplettierten das exquisite Quartett.
Auf Zehenspitzen schlich sich das DSO in Mozarts Requiem. Die Celli hauchten die Begleitfiguren nobel dahin. Frisch und voller Eifer gesellte sich der rührende Windsbacher Knabenchor dazu. Unter dem 60-jährigen Karl-Friedrich Beringer, der seit nunmehr 30 Jahren die Geschicke des Eliteensembles leitet, boten die Kinder einen himmlisch gelösten, transparenten Mozart.
Konzertreise
Nürnberger Nachrichten, Feuilleton | 13.11.2008
J.V.
Ein Hauch vom Jenseits
Windsbacher Knabenchor sang Schubert und Mozart
NÜRNBERG - Wenige Tage vor ihrem Nürnberger Auftritt ernteten sie noch in Beifallsorkane in der Dresdner Frauenkirche und der Berliner Philharmonie: Die Windsbacher Knaben wagten sich erstmals an Franz Schubert und wurden auch in der Meistersingerhalle mit Applaus überschüttet – nicht nur wegen des Heimbonus‘, sondern künstlerisch voll verdient.
Als erstes erstaunt schon allein die Menge. Wann hat Karl-Friedrich Beringer in seinem Konzertchor jemals mehr als achtzig Stimmern vereinigt? Windsbach erfreut sich also regen Zuspruchs. Die pädagogischen Turbulenzen scheinen bereinigt und man kann sich wieder voll auf die künstlerische Arbeit konzentrieren. Zudem lässt sich bei Beringer ein veränderter, ja gereifter Dirigierstil bemerken.
Der martialische, unerbittliche Perfektion einfordernde Dompteur von einst ist einem weitaus geschmeidiger agierenden, mit Chor und Orchester mitatmenden Klangkoordinator gewichen. Ein Legato ist keine Todsünde mehr. Was beiden Werken, sowohl Schuberts harmonisch entrückter, ein bißchen rätselhafter As-Dur-Messe als auch Mozarts ›Requiem‹, guttat.
Mustergültige Artikulation
Dazu die alten Stärken wie absolute Wortverständlichkeit, eine mustergültige Artikulation, eine dynamische Schattierungsfähigkeit bis ins letzte Rubato hinein und immer wieder die Wohltat einer gut proportionierten Tenor-Abteilung mitsamt dem erfrischenden Strahl der Knabensoprane.
Der nächste Pluspunkt: Die Gesangssolisten. Selten harmoniert ein Vokalquartett nicht nur technisch, stilistisch, sondern eben auch vom Timbre her. Aber genau das stellte sich bei Ruth Ziesak (mit fanastischen Piano-Einsätzen!), der finnischen Mezzosopranistin Monica Groop (sang die Schubert-Messe schon 1996 unter Helmuth Rilling für CD ein) zusammen mit Tenor Thomas Cooley und Bassist Thomas Lakse ein. Gerade dies ist für beide Werke jedoch existenziell, denn sie bieten kein Arien-Forum, sondern lockern die großen Chorblöcke nur mit bewegenden Solo-Passagen (vom ›Benediktus‹ abgesehen) auf.
Beringer, der sich bei Mozart für die in der Instrumentierung anfechtbare Süssmayr-Fassung entschied, achtete auch beim Deutschen Symphonieorchester aus Berlin auf luziden, weder trauerschweren noch süßlichem Ton. Und so erhielten etwa im «Requiem« die Bassetthörner jenen domierenden Grundton, der Mozart vorschwebte.
Sicher ist Schuberts As-Dur-Messe kein Konzertsaal-Stück, sondern für den intimeren Rahmen einer kirchlichen Liturgie gedacht. Aber einen Vorgeschmack auf das Jenseitige und Überirdische vermittelt sie ebenso wie Mozarts populäre Totenmesse.
Aktuelle CD: Mendelssohn Bartholdy ›Elias‹ (Sony Classical)
Nürnberger Zeitung, Kultur | 13.11.2008
Egon Bezold
Meisterkonzert des Windsbacher Knabenchors
Schauer des Jenseits aus der Kraft der Musik
Für eine elektrisierende Schubert-Deutung sorgte Karl Friedrich Beringer mit dem Windsbacher Knabenchor, einem handverlesenen Solistenteam und dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin. Die Messe in As-Dur (D678), in ihrer Gebrochenheit und Kühnheit eine meisterliche Schöpfung, gilt als romantisch liturgisches Werk. Mit großen Zeitaufwand hatte Schubert daran gearbeitet, um »das Höchste in der Kunst« zu erreichen.
Problemlos folgte der glänzend präparierte Chor dem schroffen Wechsel von geschmeidigen Piani zu kraftvollen Forti, von getragenen bis hin zu sportiven Tempi. Welch atemnehmender Fugenschwung beendet doch das Gloria. Durch subtile Abstufungen wurde das Credo zu packender Ausdruckskraft gesteigert. Bezaubernd das »Gratias agimus« mit Solo-Sopran, Klarinette und Violinen. Unbeschwerte Diesseitigkeit war für Schubert wohl kein Thema. Umso mehr ließ die Wiedergabe die persönliche religiöse Situation des Komponisten spüren, den Widerstreit zwischen Wissen und Glauben. Schubert war gläubig, obgleich ihn Zweifel plagten.
So sehr die Originalklang-Puristen bei W.A. Mozarts Requiem KV 626 auch immer die Ohren putzten, die rechte Nestwärme für Mozart verspürt man doch eher bei den gemäßigt historisch artikulierenden Repräsentanten vom Schlage eines Karl Friedrich Beringer. Konsequent artikulierten die Streicher ohne Vibrato, formulierten Bläser scharfkantig ihre Einwürfe, was einen vibrierenden Ton des Requiems verhieß - packend von der ersten bis zur letzten Note. Für wuchernde Romantizismen waren die Türen fest geschlossen.
Wie von Furien gejagt brauste das »Dies irae« vorüber, fabelhaft dargeboten von den Windsbacher Choristen. Schroffe Akzente schreckten im Rex tremendae. Das Solistenteam (Ruth Ziesak, Monica Groop, Thomas Laske und Thomas Cooley) fügte sich zu einem durchwegs homogenen Ensemble. Und es gab vieles zu bestaunen, zarte Kontraste in »Salve me«, eine erschütternde Klage im »Lacrimosa dies illa« und der rasante Sprint des Chors im finalen »Cum sanctis tuis«. All dies weckte virtuose Schauer des Jenseits.
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