Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

›Bilder einer Aussstellung‹

Berliner Morgenpost, Kultur und Medien | 31.10.2008

Ein Fest für Brahms und Mussorgsky

Diese alten Herren! Sie sind der Musikmacherei geradezu unentbehrlich. Mit schnellen Schritten klimmt Georges Prêtre (84 Jahre jung) die Stufen zum Podium der Philharmonie hinauf, um das Deutsche Symphonie Orchester zu dirigieren.
Da steht er nun, aufrecht, völlig frei, ohne Sicherungsgitter oder Pult, schlank, konzentriert und lässt die Dritte Sinfonie von Johannes Brahms erklingen: nicht einzig ihre Form, sondern vor allem ihren poetischen Gehalt, aus dem man einst die unsterbliche Liebesgeschichte von Hero und Leander heraushören wollte. Nichts davon unter Prêtre.
Er legt für die beiden Mittelsätze, das Andante wie das Allegretto, sogar den Taktstock beiseite. Er übergibt ihn der Obhut der ersten Geigerin. Er knetet die beiden Sätze buchstäblich ohne wichtigtuerischen Umschweif aufs Liebevollste zusammen. Er weiß, sein Orchester zu inspirieren. Es fährt mit Genauigkeit, Verständnis und Hingabe auf die verlässliche Zeichengebung des alten Herrn ab. Prêtre erntet einen Triumph. Er dirigiert die F-Dur-Sinfonie wie eine dreiviertelstündige Liebeserklärung an Brahms. Prêtre ist musikalisch ein großer Erzähler, kein ewiger Besserwisser. Er lässt sich von der Vorzüglichkeit, die er erzielt, vorzüglich treiben.
Noch deutlicher als bei Brahms wurde das im zweiten Teil des großartigen Abends. Mussorgskys ›Bilder einer Ausstellung‹ in der Instrumentation Ravels sind stets eine wahre Goldgrube an farbenreichen Überraschungen der gegensätzlichsten Art, teils lustig, teils pompös, dann wieder dahinhetzend oder knurrig, am Ende triumphal in die Gloriole mündend. Alle Orchestergruppen mit ihren Solisten finden die dankbarsten Aufgaben, ihr Können unter Beweis zu stellen. Prêtre ließ sie alle bald hinterhältig, bald voller Instrumental-Witz, zu Wort kommen. Berlins Orchester sind eine Pracht.



Der Tagesspiegel, Kultur | 30.10.2008 Christiane Peitz Klangrede mit Klarinette Ein langsamer Brahms, die Dritte als Ritual. Georges Prêtre, der 84-jährige französische Maître, zelebriert erfahrungsgesättigte Spätromantik. Wann zuletzt haben die Celli im Allegretto derart geweint wie am Montag beim Deutschen Symphonie Orchester in der Philharmonie? Wann waren die Punktierten derart weich gebettet, die Rubati derart abgefedert, ohne dass das Sentiment je ins Sentimentale umschlüge? Prêtre, Zeremonienmeister, Hypnotiseur, gerne auch mal Charmeur und Poser – er lässt Klänge im Zeitraffer blühen und vergehen, vereint Pathos mit Pragmatismus, Eleganz mit Essenz, Wehmut mit Wucht, gemeißelte Motivik mit Streicheleinheiten. Beseelte Klangrede: ein altmodischer Brahms, aber sie ist einfach unwiderstehlich, diese Manier, Musik zur Pretiose zu modellieren. Zumal das DSO Prêtre bereitwillig folgt und mit feinem Sinn die eigenen Verführungskünste ausspielt, namentlich die Bläser, Klarinette, Horn, Oboe. Vor allem wird meisterlich mit dem Tempus gespielt, wenn das Orchester auch bei Mussorgskis ›Bildern einer Ausstellung‹ in Sekundenschnelle zwischen Präsens und Perfekt wechselt, zwischen heller Gegenwärtigkeit und Erinnerungston. Die Pantomime des »Gnomus«, die sämigen Streicher beim »Alten Schloss«, die sich zu schmerzhafter Intensität steigernden Crescendi in »Bydlo« wie im Finale: Man glaubt, die Gestalten förmlich mit Händen greifen zu können, die sich jedoch sofort wieder zu Traumgesichten verflüchtigen. Das Unerbittliche, das Unfassbare – es liegt nur eine Nuance dazwischen.
Berliner Zeitung, Feuilleton | 29.10.2008 Peter Uehling Im Brunnen der Vergangenheit Georges Prêtre dirigierte das Deutsche Symphonieorchester Die Rolle des ältesten aktiven Dirigenten geht naturgemäß reihum, gerade hat sie, wenn nicht alles täuscht, der 84-jährige Georges Prêtre inne. »Alter« ist bei Prêtre jedoch nicht nur eine Zahl, sondern eine Tradition, die nur bedingt mit seinem Alter zu tun hat. Pierre Boulez ist nur ein Jahr jünger, aber interpretatorisch vollkommen anders orientiert. Als Prêtre am Montag in der Philharmonie das Deutsche Symphonieorchester dirigierte, sah man hinab in den Brunnen der Vergangenheit, in eine versunkene Praxis gesanglichen Musizierens, eine Zeit in der vibrato noch nicht eine Dauerveranstaltung zur Tonvergrößerung war, sondern ein dosiertes Mittel zur Färbung der Linie. Denn gesangliches Spiel heißt zunächst unruhiges Spiel: Wie sich beim Sänger die Farbe der Töne fortlaufend durch die Vokale des Textes ändert, so sucht gesangliches Spiel den Abstand zum durchgezogenen legato, zur farblichen Kontinuität. So war das einmal, und so kommt es nicht wieder, auch nicht durch die Patentrezepte der historischen Aufführungspraxis. Seit dem 19. Jahrhundert hat industrielles Wesen im Musikleben Einzug gehalten, in der weitgehenden Standardisierung der Instrumente und des instrumentaltechnischen Leistungsstands, der zum Betrieb von Orchestern auch notwendig ist. Dieser Leistungsstand wurde von Prêtre in der Ravel-Fassung der ›Bilder einer Ausstellung‹ von Mussorgskij, von kleinen Stichen ins Charakteristische abgesehen, eher abgerufen als gestaltet. Wenn Prêtre allerdings Brahms' dritte Sinfonie dirigiert, dann ist er darauf aus, gesangliche Nervosität als permanentes Fluktuieren des Klangs zu erzeugen: große Lautstärkeunterschiede innerhalb der Melodie, kurze Artikulationen, Verschiebung der Klanggewichte von Haupt- auf Nebenstimmen und, am auffälligsten, durch ausdrucksvolle Halte auf den dissonanten Tönen der Cellomelodie im dritten Satz, über denen die Arpeggien der Violinen zerbrechend herabrieseln. Der Eindruck ist zwiespältig, denn der nervöse Klang unterläuft die drohende melancholische Selbstgefälligkeit. Aber das Gemachte fällt stark auf, so aufmerksam das DSO auch der sparsamen, manchmal ganz aussetzenden Gestik Prêtres folgt. Gerade dadurch ist zu erahnen, welche Verluste an Beseelung unsere auf Brillanz gedrillte Orchesterkultur bilanzieren muss. Von ferne hörte man, wie das mal gewesen ist, als Musik sich noch selbst erklären konnte und nicht in die Richtungen des Ausdrucksvollen, Analytischen oder Authentischen gestoßen wurde. Alles Machen Prêtres zielte paradox auf ein Gewährenlassen, auf die Erscheinung des freien und vielfältigen Klangs.