Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

›Aus der neuen Welt‹

Der Tagesspiegel, Kultur | 23.10.2008
Christiane Tewinkel

Eiskalt serviert

Ein fabelhaftes Team sind der japanische Dirigent Yutaka Sado und das Deutsche Symphonie Orchester in der Philharmonie. Sado schlägt wie sein großer Kollege Leonard Bernstein, mit dem er einst zusammenarbeitete: lebendig, überaus lässig, hin und wieder in die Luft springend, mit geradezu schnoddrigen Bewegungen. Aber es wirkt. Denn ein herrliches Forte herzustellen ist gar nicht so einfach, eines also, das atmet und schwingt, das bei aller Kraft nicht gewalttätig wird, Raum lässt für Obertöne und immer noch mehr Frische und Bewegung. Yutaka Sado weiß all dies immer wieder in Gang zu setzen, vor allem im ersten und im vierten Satz von Antonin Dvoráks neunter Sinfonie, der ›Aus der neuen Welt‹.

Weniger nimmt das etwas tranig geratende Largo für sich ein. Schon zuvor, in Osvaldo Golijovs „Last Round“ für Streicherensemble aus dem Jahr 1996, hatten sich der Dirigent und das DSO am Abgrund zur Larmoyanz bewegt. Dem Pfeffer des ersten, motorisch kraftvollen Satzes war ein Lentissimo gefolgt, das, breit gestrichen und sanft gespielt, bald unter Kitsch-Verdacht geraten war.

Dazwischen tritt der junge venezolanische Pianist Sergio Tiempo mit Frédéric Chopins wunderbarem zweiten Klavierkonzert auf: ein Künstler, der es eingangs und ausgangs des Larghettos ein wenig übertreibt mit der Eigenwilligkeit, der Töne präsentiert, die unorganisch wirken und wie ausgeschnitten, ein Virtuose aber auch, den selbst irrwitzig anspruchsvolle Passagen nur mal eben so zu fordern scheinen, ein Zauberer des klaren Tons schließlich, der weiß, wie man das Perlen der Arabesken auf unter Null herunterkühlt.



Berliner Morgenpost, Kultur & Medien | 23.10.2008
Klaus Geitel

Osvaldo Golijov huldigt dem Tango-König Astor Piazzolla

Astor Piazzolla, den späteren ›Tango-König‹, zog es als jungen Mann nach Paris, bei der großen Nadia Boulanger Komposition zu lernen. Sie verwies ihn nachdrücklich auf die Musik seiner argentinischen Heimat. Piazzolla erfand buchstäblich den heimischen Tango neu.
Osvaldo Golijov hat Piazzolla mit seinem viertelstündigen Streicherstück »Letzte Runde« wie zum musikalischen Abschied eine leidenschaftliche Huldigung als letzten Gruß nachgerufen. Yutaka Sado ließ seine beiden höchst gegensätzlichen Sätze mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie aufklingen.
Anfangs spielt man an den ersten Pulten im Stehen, wenn Golijov seine Erinnerungen an den Tango-Furor Piazzollas aufrüttelnd niederschreibt. Die Musik scheint unter den Händen der Geiger geradezu zu explodieren. Späterhin versammelt sich das Ensemble rundum zu so etwas wie einem stillen, allmählich verstummenden Tango-Gebet. Alle Tanz-Drängelei, der aufreizende Rhythmus des Anfangs ist vergessen. »Lentissimo« geht es nach Vorschrift zu: zuhöchst verlangsamt. Das hört sich sehr anrührend an, aber es klingt auch ein bisschen nach Schmonzette. Golijov fällt mit seinen Streichern geradezu vor Piazzollas Sarg in die Knie.
So etwas muss natürlich nicht sein. Musik kann auch ohne Drücker, einzig aus sich heraus in sich gehen, wie es schon der blutjunge Chopin mit seinem 2. Klavierkonzert bewiesen hat. Sergio Tiempo aus Venezuela trug es mitreißend vor, ein junger Pianist, anzusehen als sei er erst sechzehn, der aber in Wahrheit schon sechsunddreißig Jahre alt ist und demnach in aller Frische auf der Höhe seiner Kunst steht.



Kulturradio | 22.10.2008
Andreas Göbel

Philharmonie Berlin: DSO Berlin unter Yutaka Sado

»Amerika« hätte als Überschrift über dem Auftritt des Japaners Yutaka Sado beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin stehen können. Mit Osvaldo Golijov war ein Argentinier vertreten, der Solist in Frédéric Chopins zweitem Klavierkonzert, Sergio Tiempo, stammt aus Venezuela, und Antonín Dvořáks Sinfonie Aus der Neuen Welt ist wenigstens offiziell eine Hommage an die Vereinigten Staaten. Trotzdem wirkte das Programm doch eher wenig konzeptionell.

Immerhin
greift Osvaldo Golijov in Last Round tief in die musikalische Tradition seines Landes Argentinien. Sein 1996 uraufgeführtes Werk huldigt Astor Piazzolla, den bedeutenden Vertreter des Tango nuevo – was man auch sofort hört. Der erste Teil, geschrieben für kleines Streicherensemble, in dem die Geiger und Bratscher wie in einer Tango-Kapelle stehen, besteht aus Tango-Reminiszenzen. In zwei Gruppen geteilt, werfen sich die Musiker Tango-Fragmente zu. Im zweiten Teil, jetzt für großes Streichorchester, dominiert ein ruhiger Klangteppich; ein wenig Piazzolla klingt an, vielleicht etwas Schostakowitsch; Samuel Barbers Adagio for Strings ist ebenfalls erahnbar.

Alles gibt sich hier ziemlich gefällig; das ist Musik zum Entspannen und Genießen, eine Art "Kaufhaus-Klassik" – neue Musik, die nicht weh tut, die aber auch wenig zu sagen hat. Es klingt nach allem möglichen, nur Eigenes hat Osvaldo Golijov nicht beizusteuern. Das Stückchen ist nicht der Rede wert; mit echtem Piazzolla hätte sich das Deutsche Symphonie-Orchester vielleicht einen größeren Gefallen getan.

Mit Antonín Dvořáks neunter Sinfonie
hat Yutaka Sado einen Erfolgsgaranten auf sein Programm gesetzt. Etwas Neues kann er dem populären Werk nicht abgewinnen; immerhin jedoch ermöglicht er eine solide Aufführung, die weitgehend ordentlich geprobt ist, lebt und atmet und auch über einige wunderbare Ruhemomente verfügt. Sado ist ein Freund großer Dramatik; er feuert das Orchester an und verliert vor lauter Übereifer im Finale auch seinen Taktstock. Gerade dieser Schluss-Satz wirkt bei ihm in seiner Bedrohlichkeit am überzeugendsten.

Mitunter bringt der Volldampf, unter dem große Teile der Sinfonie stehen, allerdings nur heiße Luft und versucht die Anonymität dieser Aufführung zu überdecken. Sados Interpretation beeindruckt, aber sie berührt nicht, sie blüht nicht auf. Das liegt vor allem an der Tonqualität; dem Einzelton – besonders in den Streichern – fehlen Strahlkraft, Brillanz und Schmelz; statt Hochglanzfotos hat Yutaka Sado eher die matte Variante gewählt. Der Glanz des Tones – die Seele des Orchesters – hier bleibt sie lediglich erahnbar.

Mangel an Seele
kann man dem Pianisten Sergio Tiempo nun wirklich nicht vorwerfen; von Martha Argerich gefördert, erinnert manches in seinem Spiel an seine große Mentorin mit teilweise geradezu kompromissloser Wildheit; wie sie scheint er manchmal am Klavier zu explodieren. Auch die Zugabe, ein Argentinischer Tanz von Alberto Ginastera, war einmal ein Paradestück Martha Argerichs. Zweifellos ist Tiempo eine Riesenbegabung – v. a. durch seinen Anschlag: ein Pianist der tausend Klangfarben, hier durchsichtig gläsern, dann wieder ganz dicht als Sänger am Klavier; er kokettiert und donnert auch gerne. Leider scheint er sich nicht immer im Griff zu haben. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass er sich wenig zurecht gelegt hat und aus dem Bauch, dem Augenblick heraus interpretiert. Momente hemmungsloser Leidenschaft wechseln mit Nachsinnen und Träumen – hier eine Verzögerung, dort ein unerwarteter Akzent. Das passt alles irgendwie, nur leider nicht zusammen.

Frédéric Chopins zweites Klavierkonzert wirkt kleinteilig, ziellos, zerfällt in durcheinander gewirbelte originelle Ideen. Mit weniger Bauch und mehr Kopf kann Sergio Tiempo noch ein ganz bedeutender Interpret werden.