Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Helmut Oehring: Uraufführung mit dem Rundfunkchor Berlin

Der Tagesspiegel, Kultur | 13.10.2008 Christiane Peitz Wo die Stille regiert Beethoven und Goya. Beide waren begeistert von der Französischen Revolution und bald von Napoleon schwer enttäuscht. Beide setzten sich in ihrer Kunst unermüdlich mit Hoffnung, Krieg und Resignation auseinander. Zwei zutiefst humane Künstler, die beide ertaubten. Wenn Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin die Uraufführung von Helmut Oehrings ›Goya II. Yo lo Vi‹ – ein ›Memoratorium‹ nach jener Radierung aus Goyas Zyklus ›Desastres de la Guerra‹, in der eine Mutter ihr zu Tode erschrockenes Kind vom Kriegsschauplatz wegzerrt – mit Beethovens ›Eroica‹ kurzschließen, ist das programmatisch nur zu sinnfällig. Auch deshalb, weil der 47-jährige Oehring als Kind gehörloser Eltern die Gebärdensprache erneut in eine Komposition integriert. Und weil Metzmacher, der als Jury-Mitglied den vor Konzertbeginn in der Philharmonie an Oehring verliehenen ArnoldSchönberg-Preis mitverantwortet, die hellhörig engagierte Zeitgenossenschaft beider Komponisten hervorkehrt. Ein elektrisierender Abend. ›Goya II‹ mit Texten unter anderem von Garcia Lorca und Peter Weiss ist ein aufwändiges, illustrativ beredtes Oratorium. Der Rundfunkchor Berlin, das DSO, ein Kontrabass spielender Sprecher, ein Gebärdensolist, zwei Gitarristen, elektronische Klänge und vor allem der anrührende Knabensopran von Dennis Chmelensky künden vom Unheil des Krieges und vom Leiden der ihm wehrlos ausgesetzten Menschen. Immer wieder die Chiffre Guernica, immer wieder marschierende Pizzicato-Armeen und die geräuschhafte Wucht anrollender martialischer Maschinerie. Überzeugender als diese überkonnotierten Passagen sind die kammermusikalischen Episoden: die stille Verzweiflung der Konzertgitarre, die vergeblichen Rufe des Knaben, die Slowmotion der Schreckstarre. Wenn der Gebärdensolist die Zeichen für Stille in die Luft malt, wird er für Momente zum Wiedergänger des Dirigenten in seinem Rücken. Und Beethoven? Metzmacher radikalisiert die Eroica und bewahrt doch federnde Eleganz, betont den Montage-Charakter des Finales, paart Unerbittlichkeit mit Seelenglut. Wie er im Trauermarsch vom intimsten Schmerz zum Staatstrauerton changiert und die marodierenden Streicher als verlorene Existenzen ins Feld führt – das geht einem nach.