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Saisonauftakt mit Wagner und Messiaen

Der Tagesspiegel, Kultur | 18.09.2008
Christiane Tewinkel

Herrliches Rauschen

Das letzte Werk von Olivier Messiaen, ›Éclairs sur l’Au-Delà ...‹, spielt das Deutsche Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher in der Philharmonie: eine gewaltige Musik, in der es zwitschert und hart schlägt, in der die Geigen fasrige Flächen ausbreiten und die Bläser mit hohl wirkenden Chorälen antreten, ein Verschiebebahnhof aus anklingenden und wiederauftauchenden Teilen, kurz, ein beeindruckender, mitunter eklektischer Zusammenklang von Natur, christlicher Frömmigkeit und ostasiatischer Spiritualität. Das DSO spielt es beim Musikfest wie einen Gottesdienst nicht nur von, sondern auch als Huldigung für Messiaen; der dritte Satz tönt in seinem Klackern wie ein akustischer Regenwaldausschnitt, der fünfte wird zum Gesang von himmlischer Länge, der sechste ist martialischer Aufmarsch, im neunten schreien Flöten- und Klarinettenvögel durcheinander, und erst im letzten Satz, ›Christus, Licht des Paradieses‹, erlaubt man sich tatsächlich Schmelz und Süßigkeit. Zart, ja zärtlich war es anfangs zugegangen, bei Wagners Wesendonck-Liedern, von Angela Denoke mit zupackender Substanz in Tiefe und Mittellage und jäh lodernder Höhe gesungen: Gegen Messiaen sind Wagners Klangausflüge dezenter, subtiler, sphärisch allemal.



Berliner Zeitung, Feuilleton | 18.09.2008
Peter Uehling

Das ewige Klingen
MusikFest in der Philharmonie: Das DSO unter Ingo Metzmacher spielte Messiaen und Wagner

Olivier Messiaen hat sein letztes, 1992 vollendetes Werk ‹Éclairs sur l'Au-Delà› genannt, zu übersetzen ungefähr mit «Streiflichter über das Jenseits». Streiflichter, Blitze, kurze Einblicke: Gemessen an diesem Titel scheint die 65-minütige Komposition reichlich monumental. Tatsächlich aber teilen sich elf Sätze diese reichliche Stunde untereinander auf, die einzelnen Bilder sind also tatsächlich nicht übermäßig lang. Andererseits sind die drei Entgrenzungspunkte hinter Messiaens Titel nicht unwichtig: Als ob die hier geworfenen Lichtstrahlen ewig unterwegs wären in der Unendlichkeit des Jenseits, das Messiaen auch in Bildern des Weltalls begriffen hat, wenn er einen Satz "Das Sternbild des Schützen" nennt.

Gott ist die Liebe

Die drei Punkte stehen auch für jene merkwürdige Form des Fort-und-fort-Klingens, die Messiaen erfunden hat. Seine oft kinderleicht wirkende Technik - in der Akkorde innerhalb seiner Skalen auf und ab wandern, Rhythmen in durchsichtiger Weise verschoben, erweitert, verkürzt und Formteile schlicht addiert statt entwickelt werden - zeigt an, dass die erlebte Zeit, der verwandelte Klang bei Messiaen hinter einem ewigen Klingen zurücktritt. So durchsichtig gehandhabt sind die Techniken nicht mehr das Eigentliche, sondern wirklich nur Techniken, um das Dauern der Musik zu organisieren, während die Klangbilder im Grunde in einem Augenblick das sagen, was zu sagen ist. Die vielbeschworene «Sinnlichkeit» der Messiaenschen Musik liegt eben darin, dass sie nicht durch ihre Formen, sondern nahezu allein durch ihre Klänge spricht. Damit ist sie auch gewissermaßen «barbarischer» als die Musik von Messiaens Schülers Karlheinz Stockhausen, der als der zweite große Komponist monumental-religiöser Sujets im 20. Jahrhundert gelten muss, aber die zentrale Stellung des Verfahrens im abendländischen Komponieren nie infrage gestellt hat.

Und dennoch hat Messiaen in seinem letzten Werk die für sein ganzes Schaffen prägende Nebeneinanderstellung von Teilen bedeutsam variiert.Ingo Metzmacher hat in seiner Aufführung mit dem Deutschen Symphonie-Orchester im Rahmen des MusikFests am Dienstag in der Philharmonie pointiert verdeutlicht, wie Messiaen wiederkehrende Klangbilder in unterschiedliche Kontexte stellt: Das Werk beginnt mit einem großen Choral der Bläser; im zweiten Satz rücken die Bläser leise in den Hintergrund, um den unberechenbaren Obertönen eines Glockenensembles einen gewissen Halt zu geben, das Choralmoment vom Beginn klingt noch mit, ist nun aber in eine bunte Lan dschaft verpflanzt, in der auch Vogelstimmen und lange Streicherlinien erklingen. Auf diese Weise ändern sich die Beleuchtungen über das ganze Stück hinweg - bis am Ende, wie eine durch alle Wandlungen nicht zu übertünchende Schrift, das Streichermelos des fünften Satzes übrig bleibt: «Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm» - so das Motto dieses Satzes. Metzmacher und sein Orchester spielten das Stück farbenfroh und ausdrucksvoll, ohne in Ekstase zu verfallen, und das tat dem Stück gut, denn statt zu überreden, überzeugte es als vielschichtige Komposition, als höchst originelles Konzert für Orchester von erheblichem poetischem Reiz

Kunst des feinsten Übertrags

Aus der Kombination dieses Werks mit Wagners Wesendonck-Liedern vor der Pause ist allerdings kaum ein Funke zu schlagen.Sei es, dass Felix Mottls Instrumentierung oft zu dick ist, als dass sie gegen die Sängerin in vollster Farbwirkung ausgespielt werden könnte, sei es, dass Erlösung und Natur hier in einen Innenraum von Treibhaus und Träumen zurückgenommen werden, in den kein Streiflicht aus dem Jenseits fällt: Angela Denoke, eingesprungen für Katarina Dalayman, huldigte einer echt Wagnerschen «Kunst des feinsten Übergangs», wenn sie innerhalb einer Phrase vom Erzählenden zum Ausdrucksvollen wechseln kann und Stimmungen be schwört, ohne ins theatralische Gestikulieren zu geraten. Metzmacher und das DSO begleiteten delikat und aufmerksam.



Berliner Morgenpost, Kultur & Medien | 18.09.2008
Klaus Geitel

Ingo Metzmacher dirigiert Messiaens "Streiflichter"

Ein Alterswerk. Ein Spätwerk. Ein Zuspät-Werk? Davon kann bei Messiaens «Streiflichtern über das Jenseits», diesem einstündigen Abschied vom Leben, innerlich bereits dankbar der Erlösung durch die Gnade des Herrn entgegen fiebernd, die Rede nicht sein. Im elften, im Schlusssatz der vor sich hinbetenden Sinfonie, setzt es einen plötzlichen Abbruch der musikalischen Linie mit donnerndem Paukenschlag.

Eine Tür scheint ins Schloss gefallen. Oder Erdbrocken auf den Sarg. Daraufhin setzt ein wundervolles Benedeien ein, eine schier endlose Melodie, wahrhaftig eine des Abschieds und der Zuversicht, der Dankbarkeit und der Erlösung, die am Ende verhaucht. Leben und Werk Messiaens sind Hand in Hand zu Ende gegangen.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter seinem Chefdirigenten Ingo Metzmacher führte das erdenferne Werk im Rahmen des Musikfestes in der Philharmonie denkwürdig auf. Es besitzt natürlich nicht den Schmiss und Schneid der liebestrunkenen, frühen ‹Turangalîla›-Sinfonie. Es zieht sich quasi zurück aus allen Verlockungen der Welt, aber nicht aus denen der Natur. Es findet in einer Art Eremitage zur Ruhe, in der man dem Leben nachsinnen und dem Ewigkeitsruf der Vögel nachlauschen darf.
Beides beschäftigt Messiaen auf seine alten Tage. Er war immerhin schon 84, als er diese jenseitstrunkenen «Streiflichter» schrieb. Aber er blieb dabei ein begeisterter Ornithologe bis ans Ende. Manchmal meint man sogar, die Holzbläser des DSO sollten ruhig den Frack ablegen und ihr Gezwitscher im Federkleid spielen. Jeder Satz wartet mit neuen Überraschungen auf. Am schönsten sind wohl die des fünften, in dem die Streicher allein ausführlich vom «Bleiben in der Liebe» singen.

Voraus gegangen waren Wagners fünf Wesendonck-Lieder, vier von ihnen von Felix Mottl, dem Wagner-Dirigenten, instrumentiert. Nur das letzte von ihnen wurde von Wagner selbst aus der Klavierfassung in die Orchesterversion übersetzt. Als Einspringerin hatte Angela Denoke den Sopranpart übernommen und sang die Lieder mit schöner innerer Energie, mitunter vielleicht ein wenig zu sehr ins Pianissimo verliebt. Aber glücklich ist letzten Endes, wer es in solcher Makellosigkeit besitzt. Dann will man es natürlich auch vorzeigen. Frau Denoke tat es mit stillem Nachdruck.



Kulturradio | 18.09.2008
Clemens Goldberg

musikfest berlin 08: DSO Berlin und Ingo Metzmacher
Werke von Wagner und Messiaen

Ingo Metzmacher ist mit dem DSO gereift, er muss nicht mehr alles genau in der Hand behalten, sondern lässt die Musik viel mehr fließen als früher. Das bekam den Wesendonck-Liedern bestens, Angelika Denoke konnte sich völlig frei entfalten und nutzte den Spielraum für die Schilderungen von Natur, Liebe und Tod. Beispielhaft ihre Diktion, atmosphärisch ihre Gestaltung, mit vielen intensiven Augenblicken.

Nahtlos gelang der Übergang zu Messiaens letzter Sicht auf das himmlische Jerusalem. In den Liebesteilen hörte man noch Wagner von ferne her, die glitzernden Diamanten waren nicht brutal herausgeputzt und die Klangsäulen schwangen. Vor allem aber gelang es erstmals während der Festwochen, die indischen Rhythmen zum Tanzen zu bringen und die Pausen klingen zu lassen.

Wenn das Orchester jetzt noch etwas von der Messiaen'schen Liebe für Metzmacher übrig hätte, wäre auch die Zukunft ungetrübt. Der bisher beste Messiaen des Musikfestes.

 

 
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