Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Komponistenprtrait Scott Wheeler

Tagesspiegel 07. Januar 2007
Ulrich Pollmann

Drachenflug und Ameisentöne

Vor allem ist Scott Wheeler unglaublich vital. Kaum ein Moment vergeht im Kammersaal der Philharmonie, in dem die Musiker des DSO nicht geschäftig seine Töne repetieren, kleine Motivfiguren aneinanderreihen würden. Wie fleißige Ameisen transportieren sie kleine Tonzellen hin und her. Und die moderat dissonanten Klanggewebe, die Scott Wheelers Klavierquartett „Dragon Mountain“ prägen, klingen so, wie sie mit irischen Weisen versetzt sind, zunächst auch delikat, der musikalische Drachenflug macht sogar Spaß. Nach zehn Minuten hat man dann aber doch den Faden verloren, und schlimmer: Eine erste Ahnung, dass alle Stücke des 1952 in Washington geborenen Komponisten so klingen, beschleicht die Hörer. Und sie werden Recht behalten. Nie verstören in dieser Musik mal Ecken und Kanten. Der 54-jährige Wheeler, Professor am Emerson College in Boston und derzeit Gast der American Academy, beherrscht sein kompositorisches Handwerk, hat nur nicht den Mut, sein musikalisches Material aus den Gefilden gehobener Filmmusik herauszuheben. Und fährt damit in der amerikanischen Musikszene nicht schlecht. Zurzeit arbeitet er an einer Oper für die Metropolitan Opera in New York. Dass mit Kent Nagano, nachdem Wheeler zwei seiner Werke selbst dirigiert hat, noch ein Stardirigent für die Uraufführung der „City of Shadows“, eines Auftragswerks des DSO, sorgt, verleiht diesem Abend auch keinen zusätzlichen Glanz.

Berliner Morgenpost 07. Januar 2007
Martina Helmig

Komponist Scott Wheeler mag märchenhafte Titel

Man kann den Moloch raunen hören, die dumpfe Betriebsamkeit der Metropole spüren. Mit "City of Shadows" (Stadt der Schatten) hat Scott Wheeler das Klangporträt einer Großstadt geschrieben. Der amerikanische Komponist hat sich von einem Thriller inspirieren lassen, der im Jahr 1922 in Berlin spielt. Das neue Kammerorchesterstück ist ein Auftragswerk des Deutschen Symphonie-Orchesters. Kent Nagano dirigierte die farbig schillernde Uraufführung mit zahlreichen Anklängen an die Musikgeschichte beim "Komponistenporträt Scott Wheeler" im Kammermusiksaal. Der Komponist und Dirigent aus Washington ist bei so unterschiedlichen Geistern wie Olivier Messiaen, Peter Maxwell Davies und Virgil Thomson in die Lehre gegangen. Seine feinsinnige, eher konservative Klangsprache ist in den USA gefragt. Gerade schreibt er eine Oper für die Metropolitan Opera und das Lincoln Center in New York. In Berlin hielt sich die Neugierde des Publikums in Grenzen. Selbst mit vereinten Veranstalterkräften konnten das Deutsche Symphonie-Orchester und die American Academy den Saal nicht einmal halbwegs füllen. Scott Wheeler gibt seinen Werken oft poetische, märchenhafte Titel, und er lässt sich gern von Literatur anregen. Er zitiert nicht nur Weill, Copland und Bruckner. Sein Klavierquartett "Dragon Mountain" basiert auf irischen Volksliedern und -tänzen. Fantasievoll spielt der Komponist mit den treibenden Rhythmen und eingängigen Melodien. Mit Habakuk Traber sprach er über die Entstehungsgeschichten der Stücke. In "The Palace at 4 AM" geht es um Erinnerungen und den Traum, die Zeit zurückdrehen zu können. Der Bariton William Sharp vertiefte sich wendig und ausdrucksstark in den Gesangspart. Mit Wheelers Musik kann man einen freundlichen, abwechslungsreichen Abend verbringen. Sie besticht durch ihre lichte Textur, Klangsinnlichkeit und Rhythmusgefühl. Begeisterung löste sie im Kammermusiksaal nicht aus.