Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Gil Shaham spielt Mozarts Violinkonzert Nr.3

Tagesspiegel 08. Januar 2007
Frederik Hanssen

Kontrolle ist gut, Vertrauen in Brahms ist besser
Kent Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester zeigen in der Philharmonie Herzensgröße

Geistig war Kent Nagano schon immer ein Globetrotter, ständig unterwegs zwischen gestern und heute, mit allen Sprachen der Musik vertraut. Im Jahr 2007 aber zeigt sich der Japaner aus Kalifornien auch geografisch atemberaubend beweglich. Seit vergangenem Herbst ist er sowohl Chefdirigent des Münchner Nationaltheaters als auch des Orchestre Symphonique de Montréal. Schon rein körperlich ist das ständige Hin und Her über den Atlantik eine Herausforderung – zudem verlässt sich Nagano bei beiden neuen Posten nicht auf jene Werke, die er schon oft interpretiert hat und mit denen er sichere Erfolge einfahren kann, sondern mutet sich und seinem Publikum jede Menge Ungewohntes zu, kombiniert in Kanada Vivaldi mit Luigi Nono und Olivier Messiaen mit Schubert, widmet sich an der Bayerischen Staatsoper Modest Mussorgskis selten gespielter „Chowantschina“, Benjamin Brittens „Billy Budd“ und betreut nach dem Saisonstart mit Rihms „Im Gehege“ im Juni sogar noch eine weitere Uraufführung, Unsuk Chins „Alice in Wonderland“. Dagegen nimmt sich das Konzert, das Kent Nagano am Wochenende mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie präsentierte, geradezu ultrakonventionell aus: etwas Zeitgenössisches, dazu Mozart und Brahms. Das Besondere, ja Beglückende dieses Abends liegt also nicht im Programmatischen, sondern in der allgemeinen Wiedersehensfreude. Dass Nagano, der in seiner vergeistigten Art allem irdischen Ruhm abhold scheint und dabei doch sehr genau auf seine Karriereplanung achtet, das DSO nach nur sechs Jahren im vergangenen Sommer verlassen hat, wird vom Orchester wie vom Publikum als herber Verlust empfunden. Denn gerade erst waren der Maestro und seine Musiker auf eine Ebene der Vertrautheit vorgestoßen, die Abende wie diesen möglich macht. Abende, an denen sich alles mit größter Selbstverständlichkeit entwickelt, entspannt und organisch, Abende, an denen gilt: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Eine Spätlese der Früchte, die seit 2000 gereift sind. Kent Nagano, der scharfe Analytiker, der Partituren-Durchleuchter, erlaubt sich eine innere Anteilnahme, die unmittelbar berührt. Und das Deutsche Symphonie-Orchester spielt auf Weltspitzenniveau. So duftig, so schwebend gehen sie gemeinsam die Introduktion von Mozarts G-Dur an, dass Solist Gil Shaham mit seinem lebensprallen, mitreißende Spiel plötzlich wirkt wie Papageno im Weisheitstempel des Sarastro. Ein zunächst verwirrender, dann aber durchaus anregender Kontrast von delikat und deftig, der ja auch in der „Zauberflöte“ bestens funktioniert. Zum Herzstück des Abends wird dann Johannes Brahms’ dritte Sinfonie: Durchpulst von geradezu Tschaikowsky’schem Schwung in den Ecksätzen, getragen von echtem, ehrlichem Gefühl, eine Romantik, die sich ganz natürlich, ganz naturnah entfaltet. Ohne die Kontrolle über die komplexe Architektur dieser Musik zu verlieren, gibt sich Nagano der Emphase hin, und das DSO antwortet mit einer Präsenz, die ihresgleichen sucht. Was hier gelingt, ist nicht weniger als die Neudefinition des viel beschworenen „deutschen Klangs“ fürs 21. Jahrhundert. Eher als Fußnote wirkt dagegen Toshio Hosokawas „Circulating Ocean“, ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele aus dem Jahr 2005, das zu einer weiteren exquisiten Aufführung kommt, weil der Japaner derzeit „Composer in Residence“ des DSO ist. Hosokawa stellt sich bewusst in die Tradition von Claude Debussys „La mer“, instrumentiert Wind und Wellen so raffiniert, dass der Zuhörer tatsächlich salzige Luftfeuchtigkeit zu spüren vermeint. Mehr als l'art pour l'art allerdings will diese Genussmusik nicht sein. Damit passt sie perfekt zu einem Trend, der vor allem in der Bildenden Kunst zu beobachten ist: eine Rückkehr zum Dekorativen.

Berliner Morgenpost 08. Januar 2007
Klaus Geitel

Hosokawas Ozean-Stück in der Philharmonie

Selten hat das Publikum ein neues Werk derart willkommen geheißen wie diese zwanzigminütige Orchester-Dichtung "Circulating Ocean" von Toshio Hosokawa, die Kent Nagano mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie aufrauschen, aufflüstern, verdämmern, verstummen ließ. Debussys "La mer" hat mit diesem Ozean eine würdige Nachfolge gefunden. Das Werk, vor einem Jahr bei den Salzburger Festspielen von den Wiener Philharmonikern unter Gergiev uraufgeführt, ist Peter Ruzicka gewidmet. Es steuert dahin, stürmisch umtost, liebenswürdig umflüstert, wie ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff mit einem Riesenorchester an Bord auf sinfonischer Weltreise. Mit Kapitän Nagano auf der philharmonischen Brücke. Einen stillen Ozean durchkreuzt es jedenfalls nicht. Hosokawa versteht mit Vollendung sein instrumentatorisches Handwerk. Sein Stück klingt auf mit verführerischem Reichtum, ohne sich jedoch je nachdrücklich ins Interesse hineinzupauken. Das reiche Schlagwerk mit seinen japanischen Windglocken bleibt stets geschäftig, doch immer dezent im Hintergrund. Das Werk baut sich auf Ideen auf, nicht auf Effekten. Es ist von klassisch zu nennender Herkömmlichkeit, gleichzeitig aber nutzt es alle Inventionen der heutigen Stunde. Es segelt triumphal mit der Zeit. Es scheucht keinen seiner zuhörenden Passagiere je in Angst und Schrecken davon. Danach ein weiteres musikalisches Wunder. Gil Shaham spielte Mozarts 3. Violinkonzert KV 216 in G-Dur und erhob es zu einem Schmunzelstück der Genialität, das vor allem im abschließenden Allegro sich geradezu vor eleganter Sinnenhaftigkeit überschlug. Delikatesse und Erfindungskraft Hand in Hand, beides in die spielfreudigen und spielkundigen Hände von Gil Shaham gelegt. Mit der 3. Sinfonie von Brahms nahm das Konzert sein Ende.

Berliner Zeitung 08. Januar 2007
Peter Uehling

Nebel erhebt sich am Horizont
Kent Nagano dirigiert das DSO: deutsche Premiere von Toshio Hosokowas "Circulating Ocean"

Satter, stabiler, mit einigen Bravos durchsetzter Applaus, der sich mit jedem Auftritt des Komponisten steigerte, begrüßte die deutsche Erstaufführung von Toshio Hosokowas Orchesterstück "Circulating Ocean" am Sonnabend in der Philharmonie. Ein bemerkenswerter Empfang für das Werk eines Komponisten, der ein integrer, ohne Anbiederung seiner hochdifferenzierten Klangvision folgender Vertreter der Neuen Musik ist. Hosokawa beherrscht dennoch eine Kunst: Wirklich in großen Formaten zu denken, wenn er sie füllen will. Der Moderne ist es zum Leitbild geworden, wie Brahms oder auch tendenziell Wagner für den großen Apparat kammermusikalisch zu arbeiten. Ohne Rücksicht auf Verluste, vor allem den an Zuhörern, werden die Techniken der feinsten Differenz und der subtilsten Ableitung in einen Apparat, in einen Raum und in eine Hörergemeinschaft getragen, die Schwierigkeiten mit der Abbildung und Verarbeitung derartiger Konstrukte haben. Hosokawas "Circulating Ocean" kennt programmatische Überschriften wie "Nebel erhebt sich am Horizont", "Regen" oder "Sturm". Aber so wenig der Haiku mit seinen obligaten Kirschbäumen im Mondlicht als Naturlyrik im westlichen Sinne verstanden werden kann, so wenig dieses Orchesterstück als sinfonische Dichtung im Straussschen Sinne. Und mit Debussys "La mer" teilt Hosokawas Partitur lediglich den Ehrgeiz, einen Klang jenseits menschlicher Prägung durch Sprache oder Gesang zu finden. Wohl aber gibt es Atem, die Form ist geradezu durch Prozesse ständigen An- und Abschwellens strukturiert. Was jedoch zu Beginn noch annähernd in eine menschliche Lunge passen würde, nimmt immer gewaltigere Ausmaße an, erweitert sich in geradezu kosmische Dimensionen. Was sich hier an Energie staut, kann dann auch nicht in einem Höhepunkt abgeleitet werden, sondern bedarf eines Hochplateaus, dem dann ein ausführlicher Entspannungsprozess folgt. Hosokawa geht in orchestraler Hinsicht durchaus detailliert vor, überwölbt aber diesen klanglichen Reichtum mit elementaren Klangsituationen. Wann etwa die tiefen Instrumente aus dem Klang herausgenommen werden, wann sie wieder einsetzen, das gibt auch dem Hörer, der sich im dichten Geschehen verirrt oder sich vom ruhigen Kreisen der Atemprozesse hypnotisieren lässt, ein einfaches Mittel zur Orientierung an die Hand. Nach diesem beeindruckenden Werk hatte der Interpret Nagano im weiteren Verlauf des Konzerts keine ganz glückliche Hand mehr. Mozarts Violinkonzert G-Dur klang sehr transparent, allerdings in der großen Linie auch ein wenig unprägnant. Der Solist Gil Shaham spielte ebenfalls große Bögen, spürte jedoch einiges mehr an Humor und Rafinesse auf und erhielt für eine tonschöne, aber niemals zuckrige Interpretation zurecht großen Beifall. Die abschließende dritte Sinfonie von Brahms begann vielversprechend im lockeren, aber charakteristischen Orchesterklang. Hier hätte einiges transparent werden können, Nagano aber beließ es bei den ohnehin sinnfälligen Oberstimmen und dem hier und da hervortretenden f-as-f-Motto. Seltsam festgehalten wirkte die Musik, erst im letzten Satz ließ Nagano die Zügel etwas lockerer, aber das warf kein Licht auf das Vorangegangene. Zu Recht bedankte sich Nagano ausführlich beim DSO, das seinen klanglichen Intentionen folgte, als wäre er noch Chefdirigent dieses Orchesters.