Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Brahms & Schönberg

klassik.com | 1. Januar 2007
Felix Stephan

Naganos grandioses Abschiedsgeschenk
In den vergangenen acht Jahren hat Kent Nagano die musikalische Landschaft Berlins entscheidend mitgeprägt. Von 1998 bis 2006 war er Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters. Dieser Klangkörper, der viele Jahrzehnte lang im Schatten der Berliner Philharmoniker stand, ist unter Nagano zu einem Weltklasse-Orchester herangewachsen. Viel Zeit und Geduld hat Nagano aufgewandt, um das DSO fürs neue Jahrhundert zu rüsten. Er unterzog das Orchester einer behutsamen Verjügungskur, er verhalf den Streichern zu mehr Homogenität und Brillanz, und er sorgte für eine organischere Balance zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen. Innovative Konzertprogramme und ausgedehnte Konzertreisen steigerten das Ansehen des Deutschen Sinfonieorchesters im In- und Ausland kontinuierlich. Trotz der ungeheuren Vielfalt der aufgeführten Werke lassen sich zwei Repertoire-Schwerpunkte in Naganos langjähriger Arbeit mit dem DSO ausmachen: die Musik der Gegenwart und die Wiener Tradition seit der Romantik. Schubert, Bruckner und Mahler gehören dazu ebenso wie Beethoven, Brahms und der Schönberg-Kreis. Bereits im letzten Jahr sorgte Nagano mit seiner formidablen Interpretation der 6. Sinfonie von Bruckner für Aufsehen (Harmonia Mundi, 2005) Nun widmet sich Nagano auf seiner aktuellen DSO-Einspielung den Komponisten Brahms und Schönberg – ein in jeder Hinsicht grandioses Abschiedsgeschenk des scheidenden Chefdirigenten (Harmonia Mundi, 2006). Die Kombination Brahms-Schönberg ist typisch für Naganos Reflektieren in größeren Zusammenhängen. Obwohl die Zwölftonmusik einen radikalen Bruch mit der romantischen Musiksprache bedeutete, war sich Schönberg immer seiner geistigen Nähe zu Brahms und Beethoven, aber auch zu J. S. Bach bewusst. An Brahms faszinierte ihn die Kunst, aus einer winzigen Keimzelle riesige musikalische Gebilde zu schaffen. An Beethoven faszinierte ihn dessen ausgeprägtes Gespür für dramatische Formen. Und von Bach lernte er das Denken in strengen polyphonen Strukturen. In Schönbergs Variationen op. 31, seiner ersten Zwölfton-Komposition für großes Orchester, werden ebendiese Einflüsse besonders sinnfällig. Mit eindruckvoller Präzision und Makellosigkeit setzen Nagano und das DSO die musikalischen Parameter der Partitur um. Doch was diese Interpretation von anderen gelungenen Einspielungen (Boulez, Gielen) abhebt, ist Naganos Mut zur Farbenpracht, zu einer geradezu spirituellen Klangsinnlichkeit. Dadurch gewinnt das Werk auch für den ungeübten Schönberg-Hörer an Attraktivität. Immer wieder ist darauf hingewiesen worden, dass die 4. Sinfonie von Brahms eine der wichtigsten Inspirationsquellen Schönbergs war. Und in der Tat: Das für Schönberg so wichtige Prinzip der »entwickelnden Variation« hat Brahms in diesem Spätwerk auf souveräne Weise perfektioniert. Nagano inszeniert diesen unaufhaltsamen motivischen Prozess im Kleinen wie im Großen mit bemerkenswerter Natürlichkeit. Er verzichtet auf das Sentimentale, das Romantisch-Pathetische und betont stattdessen den klassizistischen Charakter des Werkes. Einen ähnlichen Weg hatte auch schon Carlos Kleiber mit den Wiener Philharmonikern eingeschlagen (1980, Deutsche Grammophon). Nagano ist nun nach vielen Jahren der erste, der eine wertvolle Alternative zu Kleibers Referenzaufnahme bieten kann. Mit kontemplativer Gelassenheit und philosophischem Ernst versenkt sich Nagano in die Partitur. Der ausgewogene, gerundete Tutti-Klang des DSO ist ein Genuss. Die Blechbläser verschmelzen mit den übrigen Instrumenten auf wundersame Weise, und die Streicher bieten eine eigentümliche Mischung aus zutraulicher Wärme und herber Intensität. Man möchte hoffen, dass das DSO auch nach Naganos Weggang dieses hohe musikalische Niveau halten kann. Abgerundet wird die Produktion durch einen ausführlichen Einführungstext des Nagano-Biographen Habakuk Traber. Er bietet eine Fülle von Informationen, neuen Ideen und anregenden Denkanstößen zu den Werken.