Beyer: Konzert für Viola gespielt von Tabea Zimmermann
Berliner Zeitung | 20. März 2007
Peter Uehling
Vom Winde verweht
Das DSO spielte Werke von Frank Michael Beyer und Toshio Hosokawa, und das Publikum traf seine Wahl
Beim letzten Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters am Sonntag in der Philharmonie sind Kulturen zeitgenössischer Musik zusammengestoßen, so drastisch, wie es auch die gerade laufende MaerzMusik nicht schafft. Die Uraufführung von Frank Michael Beyers Konzert für Viola mit dem Titel ›Notte di Pasqua‹ wurde verhalten beklatscht, einer ließ sich sogar zu wiederholtem »Buh!« hinreißen. Toshio Hosokawas ›Skyscape‹, das erstmals in Europa erklang, erntete geradezu enthusiastischen Applaus und mehrere »Bravo!«-Rufe.
Und in der Tat: Unterschiedlicher als diese beiden Werke kann Musik nicht ausfallen. Gewiss besteht ein grundlegender kultureller Unterschied zwischen der Musik eines 1928 geborenen Deutschen und der eines Japaners des Jahrgangs 1955. Hosokawa hat zwar in Berlin und Freiburg studiert, seine Musik folgt jedoch einer Spur, die der Ahnherr der japanischen neuen Musik, Toru Takemitsu, gelegt hat. Es ist der Weg in einen enorm hochgesteigerten Impressionismus. Hosokawa fühlt sich, nicht anders als Takemitsu, von Naturvorgängen und -bildern angeregt - schließlich empfahl auch Debussy, auf den manches zurückgehen mag, die Natur als Lehrmeisterin für Komponisten.
Nachdem das DSO in diesem Jahr bereits mit Hosokawas ›Circulating Ocean‹ eine Art »Wassermusik« aufgeführt hatte, ging es diesmal mit ›Skyscape‹ in Richtung Himmel. Und so wenig sich das Ergebnis im Grunde von ›Circulating Ocean‹ unterschied - beide Stücke bestehen in der Hauptsache aus großen Steigerungswellen - so beeindruckend ist, mit welchem orchestertechnischen Knowhow diese Naturbilder ins Werk gesetzt sind.
Hosokawa hat jeden Widerstand, den der Eigensinn der Töne und Intervalle seiner Idee naturhaften Wogens entgegensetzt, abgefeilt, Töne erscheinen nurmehr als winzige Bestandteile von riesigen Kurven, als vom Ganzen absorbierte Pixel einer digitalen Imagination. Es rauscht und weht gewaltig, und es geht auch mal ein lauer Wind. Freilich wird in der naturgetreuen Nachahmung der Luftbewegung auch alles weggeweht, was an Musik selbst Natur ist: Die Verhältnisse der Töne zueinander, die Verhältnisse der Intervalle.
In einem Interview in dieser Zeitung vor vielen Jahren stimmte Beyer einmal begeistert der Äußerung seines Befragers zu, Ostern heiße, dass aus einer kleinen Terz eine große werden kann, aus Moll Dur. Man könnte fast glauben, in seiner musikalischen Vergegenwärtigung der Osternacht hätte sich Beyer daran erinnert: Das Spiel mit kleiner und großer Terz spielt im Melos dieser Musik eine große Rolle. Melos, Intervalle, Tonsymbolik: Beyers Konzert aktiviert einen reichen Schatz historischer Musikanschauung, statt ihren Titel illustrativ zu deuten. Es ist die Leistung dieses Komponisten, unbedrängt von den wechselnden Begeisterungen der Avantgarde einen historisch gesättigten Musikbegriff für eine farblich, rhythmisch und harmonisch der Gegenwart verpflichtete Musik lebendig zu halten. Dabei erscheint das Historische bei Beyer nie in Form eines Anklangs, der sich kritisch gegen Hörgewohnheiten wenden will.
Das »Buh!« frappiert, weil diese Musik keinerlei Provokation enthält. Aber vielleicht ist die Provokation mittlerweile die verständlichere, weil raschere Kommunikationsform, während Beyers Musik darauf vertraut, dem etwas sagen zu können, der in ihr Inneres zu lauschen bereit ist. Dies freilich erschließt sich nicht auf Anhieb, weshalb auch wir hier mehr proklamieren als beschreiben. Der Sprödheit dieses Konzerts, seiner kontrapunktischen und harmonischen Dichte, dürfte man noch gebannt lauschen, wenn einem Hosokawas Natursinfonik bereits auf die Stimmung drückt wie eine kitschige Tapete.
Tabea Zimmermann spielte den Solo-Part mit überlegener Phrasierung, im von Jonathan Stockhammer geleiteten Orchester wäre mehr davon wünschenswert gewesen. Nicht nur dem Hören, auch der Ausführung setzte Hosokawas Partitur weniger Widerstand entgegen: Man möchte es Sound nennen.
Berliner Morgenpost | 20. März 2007
Klaus Geitel
Hosokawa lässt Sturmwolken aufziehen
Zwei Ballettmusiken zu Beginn und am Ende des jüngsten Konzerts des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter dem animierenden Jonathan Stockhammer in der Philharmonie. Die letzte dieser Musiken ist bestens bekannt: Strawinskys ›Petruschka‹. Die erste, obwohl von Debussy geschrieben, ist selten zu hören und ebenso selten zu sehen: das Tennis-Ballett ›Jeux‹, auch dies für Diaghilews ›Ballets Russes‹ komponiert, mit dem legendären Nijinsky als einem nicht.
Dazwischen aber volle Aufmerksamkeit für zwei Novitäten: das knapp halbstündige Viola-Konzert ›Osternächte‹ von Frank Michael Beyer, von Tabea Zimmermann aufs Berückendste vorgetragen, und - halb so lang - ›Skyscape‹ von Toshio Hosokawa als europäische Erstaufführung annonciert, beide sich erglänzend in kunstreichster Gegensätzlichkeit: Beyer ernst und grüblerisch bei allem virtuosen Viola-Elan; Hosokawa ein schwelgerischer, pinselfreudiger Wolkenlandschafter und Himmelstürmer. Beyer sehr deutsch und versonnen, Hosokawa eher ranschmeißerisch an die Eleganz des internationalen Musikgeschmacks. Beide Werke bei aller Unterschiedlichkeit sehr hörenswert.
Beyer baut seine ›Notte di pasqua‹ aus den herkömmlichen drei Konzertsätzen, gibt aber, nachkomponiert, dem sehr lebhaften zweiten zum Schluss eine groß angelegte Kadenz plus Zwischenspiel mit auf den Weg.
Hosokawa dichtet sein instrumentales Wolkenpoem für zwei separate Orchester, die sich - wie als Windmaschine - eine gemeinsame Bläsergruppe leisten. Aus schierer Unhörbarkeit ziehen die Wölkchen, die Sturmeswolken herauf und von einem Orchester zum andern hinüber: ein Naturschauspiel hoch entwickelter musikalischer Kunst.
