Kent Nagano dirigiert die ›Matthäuspassion‹
Berliner Zeitung | 07. April 2007
Wolfgang Fuhrmann
Von realer Gegenwart
»Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben, an Bach glauben jedoch alle«, hat der Komponist Mauricio Kagel im Bach-Jahr 1985 befunden und folgerichtig eine ›Sankt-Bach-Passion‹ komponiert. Vermutlich hat Kagel recht mit seinem Bonmot. Aber wie sinnvoll ist es dann noch, die Bach'schen Passionen vor Ostern zu spielen? In der Karwoche vergegenwärtigt sich die Kirche ja besonders intensiv die Passionsgeschichte, ihre blutigen Details und ihren heilsgeschichtlichen Rang. Mit diesen Aufführungen bindet sich der Konzertbetrieb (wie sonst nur noch zu Weihnachten) an eine ihm äußerliche Zeitauffassung, an den liturgischen Rhythmus des Kirchenjahrs. Werden aber Bachs Passionen nicht von vielen in erster Linie als musikalische Kunstwerke gehört?
Kent Nagano schien diese Frage zu bejahen, als er die Matthäus-Passion am Mittwoch in der Philharmonie aufführte. Er leitete das kleine, aber exquisite Instrumentalensemble des Deutschen Symphonie-Orchesters so strukturbewusst und ruhig-analytisch, als wären Begriffe wie »Klang-Rede« und »Affektenlehre« nie in der Diskussion gewesen. Schon die schmerzhaften Reibungen der instrumentalen Einleitung stellte Nagano dar nicht als emphatische Voraus-Deutung der Textzeile »Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen«, sondern ganz tonsatzlehrerhaft, als dissonante Führung zweier Linien gegeneinander. Zu diesem distanzierten Ansatz trug auch der Windsbacher Knabenchor bei, dessen Klang gegenüber einem der üblichen gemischten Chöre ohnehin heller und neutraler klingt.
Aber natürlich ist es nicht so einfach, die Matthäus-Passion als autonomes Kunstwerk zu verstehen. Das Werk selbst will ja mit allen ungeheuren Mitteln der Kunst den Leidensbericht vor den Hörer stellen. Dabei verschwimmen die Zeichen- und Zeitebenen: Was eben noch reale Gegenwart schien, der Tod am Kreuz und die Abnahme des geschundenen Leichnams, verwandelt sich in der Arie zum frommen Symbol für das betrachtende Ich: »Mache dich, mein Herze, rein, / Ich will Jesum selbst begraben. / Denn er soll nunmehr in mir / Für und für, / Seine süße Ruhe haben. / Welt, geh aus, laß Jesum ein!« Gerade in diesem Spiel zwischen Präsenz und Gedächtnis, zwischen Drama und Distanz trifft die Matthäus-Passion den Sinn des liturgischen Gedenkens. Der Hörer soll sich nicht einem frommen Schauderdrama hingeben, sondern aus der Anschauung die Konsequenzen fürs eigene Leben ziehen. Bei der Uraufführung im Vespergottesdienst der Leipziger Thomaskirche am Karfreitag 1729 wurde zwischen den beiden Teilen eine Predigt gehalten, die die Nutzanwendung der memorierten Ereignisse für das Christenleben des sächsischen Bürgers ausführte.
Der in sich schon perspektivisch gestaffelte Gehalt dieses Werks ist durch die historische Distanz noch mehr entrückt. Naganos Interpretation, die bei aller Klarheit der Details doch wie unter Glas erschien, hat dies mitbedacht und die Wirkabsicht, das Rhetorische und Dramatische des Werkes nicht einfach negiert, sondern nur eingeklammert. Die Solisten folgten teilweise einem Ton der Emphase (Annette Dasch; salbungsvoll, aber mit stimmlichen Problemen Dietrich Henschel), teilweise einer etwas spröden Idee von Instrumentalität (Bernarda Fink). Aber die markanteste Gegenposition zu Nagano nahm der Evangelist ein: Martin Petzold sang ihn mit einer Emphase, als sei er unmittelbarer Zeuge der Passion. Es entstand ein interessanter Kontrast, fast ein wenig ungehörig, als ob in einer feinen Gesellschaft jemand plötzlich lauthals zu schluchzen begänne.
Der Tagesspiegel | 07. April 2007
Christiane Tewinkel
Wohin? Wohin?
Die Kunst der Zurückhaltung: Kent Nagano mit Bachs Matthäuspassion in der Philharmonie
Gelitten hat man an diesem Abend schon ein bisschen. Vor allem daran, dass es so wenig zum Leiden gab. Nichts hätte man weniger erwartet, als dass die Matthäus-Passion mit dem DSO unter Kent Nagano so zurückhaltend werden würde. Mitunter sogar recht zäh. Die Schwierigkeiten, die die Aufführung der für den Karfreitag 1727 komponierten Passion im Konzertsaal mit sich bringt, mit Frackzwang bei den Musikern und einer Sekt- und Flanierpause für das Publikum, sind zwar beträchtlich. Da muss erst einmal ein innerer Rahmen gefunden werden, der die Erzählung der Leidensgeschichte erlaubt, ohne sie zum Säkularevent mit „Da war doch noch was“-biblischem Hintergrund zu stilisieren.
Insofern fährt Nagano eine sichere Nummer. Als Dirigent nimmt er sich bis zur Unkenntlichkeit zurück, dort sogar noch, wo er die hellen Fragen im Eingangschor zu einzelnen Motiven zerzupft: „wie? was? wohin?“. Große individuelle Gefühle, zugleich das große, fast alttestamentarische Raunen, die beide zu Bachs Matthäus-Passion gehören, gibt es an diesem Abend kaum. Um das DSO bleibt es blass – vielleicht, damit demonstriert werden kann, wie gern man sich auch als klassisch-romantisch-modern erzogenes Orchester der Alten Musik stellt. Doch sie zu spielen, braucht es mehr als kein oder wenig Vibrato: Mut zur Gestaltung, zu Atem, Leben und ungewohnten Farben.
Auch um die Sängerriege ist es schwierig bestellt. Zwar gewinnt die Aufführung immer wieder an Tempo, gelingt es, die Wechselrede zwischen den Passionsprotagonisten spannend zu gestalten. Und wie jeder gute Evangelist, so scheint auch Martin Petzold mehr zu sprechen als zu singen. Jedoch sucht gerade er mit drastischen Überzeichnungen das Farbvakuum des Abends persönlich aufzufüllen, sodass man immer wieder um seinen Stimmsitz fürchten muss. Bernarda Finks Alt hat unerwartet herbe Tiefen, eine überaus leichte Höhe, doch können gerade ihre letzten Arien ebenso wenig fesseln wie die – eigentlich wunderbare – Grablegungsarie, die Bach für Bass vorgesehen hat, und die Detlef Roth, der sich ansonsten couragiert der Aufgabe ständig wechselnder Rollen stellt, mit Mut zu einigen Längen gibt.
Den Christus von Dietrich Henschel wähnt man derweil nicht unter seinen Jüngern und auf dem furchtbaren Weg nach Golgatha, sondern eher vor dem Übespiegel, zum Kontrollieren der schwierigen Konsonanten und Vokale, von Bauchatmung und Mundstellung. Eine Spur seiner Disziplin wäre wiederum der interessant gefärbten Tenorstimme von Steve Davislim zu wünschen. Sogar Annette Dasch, die silbrige Hochtöne aussendet und der das Kunststück gelingt, die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ mit frommer Hingabe zu erfüllen, hat man schon freier, ja noch schöner singen hören. Vielleicht liegt es abermals daran, dass vom Pult aus so wenig Hilfe kommt, dass Nagano sich in die Arien nicht einmischt und auch seinen Chor mehr einsetzen lässt als ihn anstachelt. Kaum auszudenken, wie diese Passion unter einem Dirigenten geklungen hätte, der sich stärker engagiert hätte.
Dass man den Windsbacher Knabenchor (Einstudierung: Karl-Friedrich Beringer) ausgewählt hat, passt ins Klangkonzept dieses Abends. Süffige Phrasen sind von diesem Chor nicht zu erwarten, dicke Bassteppiche ebenfalls nicht, und auch bei den Turba-Stellen kommen die Knaben nicht gegen ausgewachsene Stimmen an, wie überhaupt ihnen jene Gehässigkeit abgeht, die man von gewöhnlichen Chören an diesen Stellen so oft hört. Dagegen ihre Artikulation! Die arglos vorgebrachte Frage an die „Ursach“ des Geschehens. Überhaupt, die Choräle in immer neuem Satz, vor allem das herrliche „Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe“!
Wir wollen nicht über die Artigkeit der Windsbacher Jungen spekulieren. Aber die Unschuld ihrer Stimmen kommt dem Bild vom Opferlamm auf eigentümliche Weise nahe; kein Erwachsener könnte die Inbrunst fingieren, die aus ihrer Wiedergabe klingt. So bringt dieses Chor-Kollektiv ein Moment von Einigung für das disparate Riesenensemble, rettet einen Abend, der immer wieder daran scheitert, einen großen Bogen über die Abfolge von Nacherzähltem und Erlebtem, von Erfühltem und Verkündetem zu spannen.
kultura-extra.de | 06. April 2007
Andre Sokolowski
Knaben's Wunderhorn
Ein terroristisch anmutender Suggestionssog zu den sogenannten "historisch-aufführungspraktischen" Verlautbarungen im Konzertbetrieb brachte es in den letzten Jahren mit sich, dass man selber schon dran glaubte, dass die guten alten Knabenchöre, die es so in dieser Dichte nur in Deutschland gibt (Thomaner, Kruzianer, Tölzer, Windsbacher, Aurelius usf.), für einschlägige Werke des Barock als nicht gerade ideal geeignet wären; das ging irgendwie ab einer Ära los, wo dann die spitzenmäßig vor- und ausgebildeten Belegschaften der Rundfunkchöre justament das Zepter in die eignen Hände nahmen; Bachs Passionen, beispielsweise, kriegten plötzlich eine Durchschlagskraft mit vorher nie geahnt gewesener ("erwachsener") Gestaltungsmöglichkeit. Intensiviert wurden diese doch zunehmend auf Perfektion und Klasse ausgelegten Interpretationen auch durch Neugründungen "alter" Chöre, vornehmlicher Weise aus dem angelsächsischen Bereich... Namen wie Brügge, Christie, Gardiner und Jacobs traten letzterdings als regelrechte Martkführer, um diese Nebenthese lax-kabarettistisch abzuschließen, auf den Plan. Und selbstverständlich klingt das Alles ungeheuer "alt", und keiner wird sich diesem Suggestionssog - wie gesagt - entziehen können; es ist mehr denn eine freiwillige Angelegenheit . . .
Also erfreuten wir uns, zwischendurch mal wieder, an 'nem schier vorzüglichst einstudierten und agierenden Windsbacher Knabenchor, der Bachs Matthäuspassion in einem österlichen DSO-Konzert zur Aufführung gedeihen ließ; es dirigierte kein Geringerer als Kent Nagano, und dass seine Chorwahl ausgerechnet dann auf diese Knaben fiel, ist wohl der Hauptverdienst des Abends insgesamt, denn: Bach ist nicht Nagano's Ding, nein, überhaupt nicht. Spürbar rausgearbeitet erschienen zwar die allerschönsten Instrumentenstellen dieser unfassbaren Partitur. Ein merkwürdiges Unbeteiligtsein jedoch, nicht nur beim intensiv den Text verfolgenden Berliner Osterpublikum, erfüllte ganzgängig den Raum. Allein noch: Martin Petzold (Evangelist) bestach durch epochalstes Wohlgelauntsein und begierlich treffsichere Gesten, stimmlich sowieso - phänomenal!
