Patricia Kopatchinskaja spielt Bartóks Violinkonzert Nr.2
Tagesspiegel | 14. Mai 2007
Christiane Peitz
Ein Tier in allen Tönen
Patricia Kopatchinskaja debütiert mit dem DSO
Sie schnurrt, faucht, krallt sich fest, ein schönes Biest, ein wildes Katzentier mit Geige. Ihr Name: Patricia Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, moldawische Musikertochter, Wohnsitz in Wien. Zum ersten Mal steht sie in der Philharmonie, debütiert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Sir Roger Norrington, barfuß, mit kindlichen Pausbacken. Nett sieht sie aus, aber das täuscht. Kopatchinskajas Spiel, Bartoks zweites Violinkonzert, und als Zugabe ›Crin‹, ein Wildkatzen-Solostück von Jorge Sanchez-Chiong – ihr Spiel ist souverän und animalisch, zärtlich und frech. Eine Urinstinkt-Musikerin, die Witterung aufnimmt, auf der Lauer liegt, immer auf dem Sprung. Und die sich bei aller ungestümen Energie auch in die Trance hineinwagt, den süßen, innigen Augenblick. Bartoks Changieren zwischen Zwölftonmusik und Neoklassizismus: Beutezug einer Ausdruckshungrigen. Roger Norrington setzt auf innere Spannung, umgibt die Solistin mit einem nervös-agilen, niemals dampfenden Bartok, und mitten im Dschungel ist die Löwin los, sie streift durch die Nacht, mit leuchtenden Augen und zuckenden Muskeln. Diese Geigerin ist ein kleines Ereignis – und kommt hoffentlich öfter nach Berlin.
Nach der Pause Brahms’ Erste Sinfonie. Erneut verzichtet Norrington auf jegliches Vibrato, platziert die Kontrabässe hinter den Holzbläsern und verbreitert Brahms’ entwickelnde Variation zum ausladenden, den Ohren schmeichelnden, aber nicht bräsigen Klangstrom. Erdiger, geerdeter Sound. Und die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters versehen die fein gearbeitete Binnenzeichnung mit kräftigen Außenkonturen. Pochendes Herz, dickes Fell: Es schläft ein Tier in allen Tönen.
Berliner Morgenpost | 14. Mai 2007
Eine junge Geigerin für moderne Musik
Spricht man von den großen jungen Geigerinnen der Gegenwart, so bleibt ein Name meistens unerwähnt: Patricia Kopatchinskaja. Die gebürtige Moldawierin, Jahrgang 1977, gilt noch als Geheimtipp. Das liegt vor allem daran, dass sie um das gängige Konzertrepertoire einen großen Bogen macht und sich stattdessen ganz auf die Musik der Moderne konzentriert. In der Philharmonie konnte man sie mit Bartoks zweitem Violinkonzert erleben.
Kompromisslos emphatisch ging sie das Werk an, mit einem ungeheuren klanglichen Ausdrucksvermögen. Sie riskierte viel und sorgte für so manche überraschende Wendung, die ihrer Intuition entsprang. Umso wichtiger das Einverständnis, das zwischen Solistin und Orchester herrschte. Das DSO unter Roger Norrington agierte äußerst flexibel und sorgte für kammermusikalische Dichte. Das Ergebnis war ein radikaler, elektrisierender Bartok von rauem Charme. Begeistert reagierte das Publikum auf Kopatchinskajas Zugabe: ›Crin‹, ein Werk des argentinisch-chinesischen Komponisten Jorge Sanchez-Chiong. Wie sie hier ihre eigene Stimme in die wirbelnde Geigen-Akrobatik einbezog, war atemberaubend.
Danach entfaltete Norrington die großartige Wirkung des vibratolosen Musizierens in der ersten Brahms-Sinfonie. Während der langsame zweite Satz etwas zu statisch daherkam, entfachte der Dirigent in den Ecksätzen eine Dauerintensität. Durch die konsequente Vermeidung des Vibratos glückten den Streichern Melodiebögen von beeindruckender Länge, die Holzbläser gewannen an Präsenz, und die Blechbläser fügten sich trotz kraftvoller Schärfe perfekt in den orchestralen Gesamtklang ein.
