Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Bernsteins ›Kaddish‹

Berliner Morgenpost | 25. Mai 2007
Klaus Geitel

Philharmonie verwandelt sich in Gedenkstätte
Anrührender konnte kaum je ein Konzert aufklingen. Die Philharmonie wandelte sich zur klingenden Gedenkstätte. Unter der hingebungsvollen Leitung von Yutaka Sado spielte das Deutsche Symphonie Orchester den Schrecken, den Horror, das Entsetzen, das Leben, Leiden und Sterben des abgelaufenen Jahrhunderts in das Gedächtnis zurück. Nur bei Halbzeit unterbrochen vom wundervollen Vortrag des Klavierkonzerts d-Moll KV 466 von Mozart durch den jungen Finnen Antti Siirala, einem wahren Piano-Poeten. John Adams gedachte zu Beginn mit seiner sinfonischen Vision ›Seelenwanderung‹ der Schrecknisse des mörderischen 11. September in New York und ließ Opfer wie Hinterbliebene mit Hilfe des Rundfunkchors und des Staats-und Domchors singend zu Wort kommen. Schon dies unter anlaufendem, leisem Motorengeräusch ein hinflüsterndes Erlebnis. Die Neufassung von Leonard Bernsteins 3. Sinfonie ›Kaddish‹ gründete dagegen auf einem auf Bernsteins Bitte frisch geschriebenen Erinnerungsschlag von Samuel Pisar, der seine eigene Lebensgeschichte nachdrücklich mit dem musikalischen Gewebe Bernsteins in bezwingenden Einklang zu bringen verstand. Darüber hinaus sprach Pisar als Rezitator auch noch seinen aufrüttelnden Text selber. Kompliment: Kein Schauspieler hat je derart klar und eindringlich seine ausdrucksvolle Stimme zur Musik erhoben und sie geradezu zu gesprochener Musik werden lassen. Pisar hat als einziger seiner Familie die Nazi-Vernichtungslager überlebt. Kunst und Wirklichkeit verschränken sich durch seinen Auftritt in der Philharmonie zu zermalmender Schreckens-Monumentalität. Bernstein verleiht ihr den angemessenen, zu sinfonischer Größe und Intensität gesteigerten Klang.

Tagesspiegel | 24. Mai 2007
Christiane Tewinkel

Zermalmend

Zuerst der 11. September, dann Mozart und schließlich die Shoah. Einmal mehr zeigt das Deutsche Symphonieorchester, wo der Programmierungshammer hängt, wie man alles miteinander mischt oder gegeneinander ausspielt, je nachdem: Alt und Neu, Wort und Musik, autonome Kunst und Politik. Wer diesen Abend in der Philharmonie hinter sich gebracht hat, ›On the Transmigration of Souls‹ des amerikanischen Komponisten John Adams gehört hat, ein 9/11-Gedächtnisstück von 2002 in deutscher Erstaufführung, Mozarts 20. Klavierkonzert und danach die 3. Symphonie ›Kaddish‹ von Leonard Bernstein, der der Holocaust-Überlebende Samuel Pisar einen neuen Text unterlegt hat, trägt genügend Konzertkost für mehrere Wochen mit nach Hause.

Das Ganze ist completely overdone. Um im Idiom des Abends zu bleiben, der Amerika immer wieder in Erscheinung treten lässt, als Ziel der Anschläge vom September 2001, als rettendes, gelobtes Land, das dem jungen Pisar nach dem Krieg Heimstatt gewährte. Einfach viel zu viel. Die Wucht, mit der die Stücke aufeinander losgelassen werden, zermalmt jede Verbindung zwischen ihnen.

Am Anfang also Adams’ Seelenwanderungs-Stück, Huldigung an die Toten des 11.9., Leidensmusik der Hinterbliebenen. Vom Band kommen Straßengeräusche, ein ruhig repetiertes »missing«, für »vermisst«, Namen über Namen, Liebesschwüre und Geständnisse: »Er war der Augapfel meines Vaters« oder »Wir vermissen dich«. Rundfunkchor Berlin und Staats- und Domchor (Einstudierung Nicolas Fink) wenden sich mit großer Ernsthaftigkeit den endlosen Skandierungen zu, intonieren ohne Ermüdung die kleine Terz, die Adams immer wieder erklingen lässt, musikalisches Gegenstück der anthropologischen Konstanten, denen es in aller Intensität nachzufühlen gilt: Liebe, Trauer, Tod, Erinnerung. Aus dem Orchester aber wird eine ruhig atmende Klangfläche, jeder Streicherton einen langen Bogenstrich lang, jeder Bläserklang einen Atemzug. Kurz vor Ende dann, als alles in einem schrecklichen Kreischen aufgeht (mit einfallenden Glockenschlägen), wird es doppelt schrecklich. Zumindest für europäische Ohren. Die Direktheit, mit der Adams seinen Hörern auf den Leib rückt, befremdet ungemein.

Solcherart durchgeschüttelt geht es an den Mozart. Zwar tut Yutaka Sado, der den Abend vom Pult aus überlegen kontrolliert, alles, um dem finnischen Pianisten Antti Siirala einen wohlklingenden Hintergrund zu bieten. Doch dieses Klavierkonzert zieht sich. Unendlich. Woher die schönen Kantilenen, wenn doch eben gerade die Welt untergegangen ist? Siirala gibt sich allerdings auch etwas temperamentfrei. Daran ändern weder sein makelloses Spiel noch die ziemlich lässige Schumann-Liszt-›Widmung‹ als Zugabe wenig. Doch könnte wohl auch ein Zirkuslöwe wie Lang Lang den Spannungsabfall, der sich an dieser Stelle fast zwangsläufig auftut, nicht ausgleichen.

Der 1929 geborene Samuel Pisar selbst tritt danach in der ›Kaddish‹-Symphonie als Rezitator auf, erzählt auf bestürzende Weise von Auschwitz, der neuen Heimat Amerika, der Ratlosigkeit angesichts eines »müßig herumstehenden« Gottes und seinem Wunsch, dass dieser unserem »fragilen Planeten« den Weg weise. Die Sopranistin Ruth Ziesak erinnert derweil daran, dass wir uns immer noch im Konzertsaal befinden – hohe Töne, Manierismen, Anstrengung des Gestaltens. Und erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass gegen Ende aus diesem Konzert eine große, schier weltumspannende Kundgebung geworden ist.

Berliner Zeitung | 24. Mai 2007
Peter Uehling

Reflex auf ein Nationaltrauma

Themenabend beim Deutschen Symphonie-Orchester: »Amerikas Glaube - Amerikas Zweifel«. Auf diesen Nenner ließen sich die beiden Werke von Leonard Bernstein und John Adams bringen, die Yutaka Sado am Dienstag in der Philharmonie dirigierte. Mit der Komposition von ›On the Transmigration of Souls‹ (Über die Wanderung der Seelen) wurde Adams zum ersten Jahrestag des 11. September beauftragt. Es ist ein Werk, das mit dem Wort »missing« beginnt und mit »I love you« aufhört. Vermutlich wäre das jedem Hollywood-Regisseur zu kitschig gewesen. In der Mitte singt der Chor zärtliche Worte über einige Opfer des Attentats. Adams schmilzt diese Texte ein in ein großes Orchester-Crescendo. Man weiß nicht so recht, ob das jetzt ein ernstgemeinter Ausdruck oder nur ein Katastrophenfilm-Score ist. Aber dieser ästhetische Zwiespalt wirkt nicht etwa irritierend, sondern vor allem unentschieden: Als hätte es Adams angesichts des Geschehens die Fähigkeit zur präzisen Formulierung verschlagen.

Eine kleine Offenbarung

Fast vierzig Jahre zuvor schrieb Leonard Bernstein seine dritte Sinfonie ›Kaddish‹. Auch sie ist der Reflex auf ein Nationaltrauma: Die Ermordung Kennedys. Auch in ihr ist der Wille zur Eindeutigkeit so groß, dass der Musik eine fast ornamentale Rolle zugewiesen ist. Viermal erklingt das jüdische Gotteslob in verschiedenen Stilen, schmissig, melancholisch oder aggressiv. Aber diese Teile verblassen fast neben der Gottes-Anklage des Sprechers.

Bernstein hatte dessen Text selbst verfasst, war aber nie zufrieden. Immer wieder hatte er bei dem Kennedy-Berater und Rechtsanwalt Samuel Pisar angefragt, ob der nicht einen Text schreiben könne. Pisar hat als Jugendlicher Auschwitz überlebt und könne viel authentischer über Gottverlassenheit und Leiden sprechen als Bernstein. Erst 2003 verfasste Pisar einen Text, den er bei dem Konzert zu Bernsteins Musik vortrug. Es sind ungeheuer beeindruckende Worte, ungerecht, subjektiv, lamentierend, hoffärtig, aber Worte eines großen Mannes, denen auch eine zuweilen theatralische Rhetorik nichts anhaben kann: »Ist Unmut oder Desinteresse am Schicksal der Menschheit die Erklärung deines verwirrenden Versagens angesichts derartiger Massenvernichtungen?« Pisars Anklage gipfelt in einer kühnen Umkehrung des Gehorsams zwischen Schöpfer und Schöpfung: »Sprich mir nach, Vater: Niemals vergessen!«

Die engagierten Beiträge von Rundfunkchor, Staats- und Domchor und der kurzfristig eingesprungenen Sopranistin Ruth Ziesak sowie des DSO liefen ein wenig nebenher. Kunst hat ihre Grenzen - zur Realität hin. In ihren Grenzen entfaltete sich Mozarts d-Moll-Konzert, vom jungen finnischen Pianisten Antti Siirala unaufgeregt gespielt. Zwischen den beiden Bekenntnis-Werken war das nicht nur eine Erholung, sondern auch eine kleine Offenbarung.