Das Spätwerk von Igor Strawinsky gehört zu den gut gehüteten Schätzen der Musik. Mit drei Jahrzehnten Verspätung wandte Strawinsky sich der atonalen, der Zwölftonmusik zu und schenkte der Welt eine der bezwingendsten, persönlichsten Auslegungen dieser von Schönberg initiierten Kompositionsweisen. Seine ›Threni‹ von 1958 darf man getrost als musikalisches Stelenfeld bezeichnen, eine lange Folge knapp gehaltener Klagelieder gleitet wie eine Prozession am Hörer vorbei. Ohne ihm dabei ins Gesicht zu sehen. Mit sparsamsten Mitteln hellt der Komponist hier und da ein wenig auf, beispielsweise mit traumhaft dahingeflöteten Trompetenmelodien, die sich immer wieder wie eine Schlange um einen der Gesangssolisten winden. Oder später mit leuchtenden Streicherflageoletts in den Liedern um Trost und Hoffnung.
Dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem RIAS Kammerchor unter der Leitung von Stefan Asbury bereitet diese eigentümlich abstrakte und heikle Musik im Kammermusiksaal der Philharmonie zu Beginn einige Probleme. Es verwackeln einfach ein paar Einsätze zu viel, offensichtlich fehlen Ruhe und Konzentration. Erst gegen Ende wirkt die Aufführung geschlossen – danach möchte man am liebsten noch mal von vorne beginnen. Die Kantate ›Inferno‹ des Niederländers Jan van Vlijmen kommt der Musizierlust von Chor und Orchester deutlich mehr entgegen: Satte Klänge und üppige Gesten illustrieren hier Verse aus Dantes Höllenlyrik: »Lasst, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren.«