Herbert Blomstedt dirigiert Bruckners Vierte
Der Tagesspiegel | 16. Juni 2007
Frederik Hanssen
Die Schönheit der Schöpfung
Wenn das Hauptthema des 1. Satzes im vollen Orchester aufrauscht, gerät Herbert Blomstedts Oberkörper in Bewegung, wiegt sich von recht nach links, mitgerissen vom Strudel dieser vierten Sinfonie Anton Bruckners: Der Dirigent, der in knapp vier Wochen 80 Jahre alt wird, strahlt dabei eine Vitalität aus, die neidisch macht. So möchte man später auch noch aufblühen können, durchpulst von den Energieströmen der Musik. Das Deutsche Symphonie-Orchester kann sich glücklich schätzen, mit diesem Maestro einen ganzen Bruckner-Zyklus vereinbart zu haben. Sensationell, wie Blomstedt am Freitag in der Philharmonie den Kopfsatz der Vierten unter einen einzigen gedanklichen Bogen zusammenspannt, die zerklüftete Partitur als Kreislauf des ewigen Werdens und Vergehens deutet. Der transparente Klang des DSO kommt ihm bei dieser Deutung der Sinfonie als klingende Schöpfungsgeschichte sehr entgegen, und die Musiker, hingerissen vom gedanklichen Furor des Dirigenten, übertreffen sich selber, zaubern im Fortissimo überirdischen Glanz, geben den stillen Passagen Intensität und Tiefenschärfe.
In Mozarts Klavierkonzert Nr. 27 hatte zuvor Richard Goode mit einem daunenfederweichen Anschlag überrascht, wie er auf einem modernen, brillant-metallisch Steinway-Flügel bislang eigentlich unmöglich schien.
Die Welt | 11. Juli 2007
Kai Luehrs-Kaiser
Samstags nie: Herbert Blomstedt wird 80
Ein Grande der alten Dirigentenschule
Die größte Hürde in der Karriere Herbert Blomstedts bestand lange Zeit darin, dass Dirigenten am Wochenende arbeiten müssen. Blomstedt ist keineswegs faul. Nur gehört er der freikirchlichen Gemeinde der »Siebenten-Tags-Adventisten« an, die den Samstag als Sabbat feiern. Er musste erst langsam davon überzeugt werden, dass Dirigieren keine Arbeit, sondern in höherem Sinne Gottesdienst sei. Seitdem dirigiert er auch sonnabends; lehnt Proben indes nach wie vor ab.
Im Elternhaus des am 11. Juli 1927 in Springfield, Massachusetts, geborenen Pastorensohns, der in Schweden aufwuchs, lauschte man zur Mittagsstunde immer einer Radiosendung. Diese begann mit ernster Klassik, landete aber unweigerlich bei Strauß-Walzern und Polkas. Kurz vor diesem Punkt, so hat Blomstedt erzählt, habe man das Radio zuhause immer brüsk abgedreht. So kam der junge Herbert Blomstedt zur E-Musik.
An der Juilliard School und in Salzburg bei Igor Markewitsch wurde er ausgebildet (letzterer mit Hermann Scherchens ›Lehrbuch des Dirigierens‹ in der Hand). Leonard Bernstein, den er zunächst für ein Leichtgewicht hielt, befeuerte ihn nachhaltig. Blomstedts Stil profitierte in Form dynamisierten Planbewusstseins, religiös aufgetriebener Fantasie und inspirierter Klasse.
Seine Jahre als Chef des San Francisco Symphony Orchestra (1985-1995) entstaubten ein ehrwürdiges, fast vergessenes Orchester. Als Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig (1998-2005) übernahm er die nicht leichte Nachfolge von Kurt Masur. An der Akustik des Saals zu feilen, wurde ihm versagt. Überhaupt hat Herbert Blomstedt mit Deutschland fast eine Rechnung offen. Weil er sein Einkommen als Chef der Staatskapelle Dresden (1975-1986) in Schweden ein zweites Mal versteuern sollte, geriet er in eine Schulden- und Prozess-Falle. Ihr konnte er sich – als »bekennender Steuerflüchtling« – durch einen Umzug in schweizerische Luzern entziehen. Hier lebt er bis heute. Blomstedt, ein dirigentischer Grande der alten Schule, lässt sich im Konzert ekstatisch hinreißen, scheint mit scharfem Vogelkopf beinahe abzuheben, und behält doch die Oberhand. Sein Furor scheint reflektiert. Sein Stil zeugt vom langen Atem eines Orchestererziehers, bei dem sich barocker Überschwang verinnerlicht hat. Bei aller Entflammbarkeit repräsentiert Blomstedt eine Kapellmeisterzunft, die, wie man an ihm sieht, keineswegs auf deutsche Dirigenten beschränkt ist.
Heute ist Blomstedt zugleich einer der Letzten, der in Proben bei titanischen Übervätern wie Furtwängler gelernt hat. Furtwängler, so berichtet Blomstedt, habe nur Einzelstellen und Übergänge geprobt und im Übrigen sich kaum zu artikulieren gewusst. Auch Toscanini hat Blomstedt noch erlebt. Als er sich bei einer Probe in der Carnegie-Hall in den Saal schleichen wollte, stolperte er im Rang über ein dutzend Gleichgesinnte. Sie lagen eng auf dem Boden, um den Wutanfällen des Super-Maestros heimlich zu lauschen.
Lange Jahre als Chef in (vom Trampelpfad der Klassik eher abgelegenen Orten wie) Oslo (1962-68), Kopenhagen (1967-77) und Stockholm (1977-82) sorgten für Blomstedts verzögerte Schallplattenpopularität. Erst durch seinen Karriereschub in San Francisco wurde man auch auf ältere Mahler-, Nielsen- und großartige Bruckner-Aufnahmen aufmerksam, die keinen Zweifel an seiner Größe lassen. Dass viele dieser CDs heute aus den Katalogen wieder gestrichen sind, zeigt, dass die Zeit einer CD-Allverfügbarkeit, wie sie in den Neunzigerjahren gegeben war, heute längst wieder vergangen ist. So ist der Rang von Dirigenten wie Blomstedt heute vor allem langjährigen Sammlern oder Konzertgängern vertraut.
Herbert Blomstedt, der noch immer ihm eng verbundene Orchester etwa in Bamberg, Berlin oder Leipzig regelmäßig beehrt, erscheint längst als legitimer Nachfolger großer ›Spätlinge‹ wie Kurt Sanderling oder Günter Wand. Als Kapellmeister mit Meister-Ingenium. Das würde er wohl bescheiden von sich weisen. Herbert Blomstedt wird heute 80 Jahre alt.
