Podcast ›Versuchung‹
Metzmacher-Interview
Konzerte zum Thema ›Versuchung‹
 
 
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Ingo Metzmacher über die Saison 2009|2010 mit dem DSO

Vor seiner dritten und letzten Spielzeit als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin spricht Ingo Metzmacher über seine programmatischen Ideen für die bevorstehende Saison.

Die neue Spielzeit überschreiben Sie mit ›Versuchung‹. Was hat Sie dazu bewegt?

INGO METZMACHER Versuchung ist in und um uns, sie ist so alt wie die Menschheit. Angeblich begann sie schon im Paradies mit dem ominösen Apfel. In dem Wort »Versuchung « steckt »Suche«. Jeder von uns ist auf der Suche; auf der Suche nach sich selbst, nach Anerkennung, nach Liebe, nach Schönheit, nach Glück, nach Erfolg, vielleicht auch nach Einsamkeit. Man kann nach Vielem suchen. Da uns das Suchen in die Wiege gelegt ist, können wir aber jederzeit ebenso leicht auch versucht werden.

Sie gehen der Versuchung musikalisch auf die Spur. Gestatten Sie mir die provokante Frage: Wie hört sich denn Versuchung an?

I.M. Vielgestaltig, schillernd, sinnlich. Musik ist meiner Meinung nach eine große Kraft, wenn nicht sogar die größte, die uns versuchen und sehnsüchtig machen kann. Sie verführt uns durch Klänge. Man kann über das unbeschreibliche Wunder nur staunen, dass Gefühle, durch Komponisten ausgedrückt, von uns wieder herausgehört und nachempfunden werden können. Richard Wagners ›Tristan und Isolde‹ ist für mich das klarste Beispiel. Vergangenes Jahr habe ich diese Oper in Zürich dirigiert, an dem Ort also, an dem sie Wagner vor dem Hintergrund seiner persönlichen Situation komponierte. Er wohnte damals gegenüber der Industriellengattin Mathilde Wesendonck und verspürte größte Sehnsucht nach ihr. Die unerfüllte Liebe zu dieser Frau hat ihn dazu gebracht, sein Verlangen in die Musik hineinzutragen. Sie erzählt uns von den Empfindungen Wagners, indem sie wie sein Liebessehnen nicht ans Ziel gelangt und die erlösende Tonart nie erreicht.

Mit dem Vorspiel und ›Liebestod‹ aus ›Tristan und Isolde‹ sowie Strauss’ ›Vier letzten Liedern‹ ging die vergangene Saison zu Ende. Das Programm kreiste um die Themen Liebe, Tod und Sehnsucht, die nahe beieinander liegen. Wie sehen Ihre Konzertprogramme der ›Versuchungs‹-Reihe in den kommenden Monaten aus?

I.M. An den Anfang stellen wir einen Abend mit Kompositionen von Alban Berg. Wer mich kennt, weiß, dass es für mich ungewöhnlich ist, ein Programm mit nur einem Komponisten zu dirigieren, aber ich finde seine Musik besonders faszinierend. Berg hatte etwa 70 Jahre nach Wagner ein ganz ähnliches Erlebnis wie er. Man weiß, dass er eine fast lebenslange, sehr wahrscheinlich nicht erfüllte Liebe zu einer Dame namens Hanna Fuchs empfunden hat. Viele Liebeserklärungen hat er seiner Musik anvertraut, in seinen Kompositionen stößt man auffällig oft auf die Tonfolge H-F. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die ›Lyrische Suite‹. Man hat sie häufig dahingehend analysiert, aber das finde ich gar nicht so entscheidend. Für sehr viel wichtiger halte ich es, hörend nachzuvollziehen, wie dieser Komponist Gefühle in seine Musik hineinversenkt hat, weil er sie nicht leben konnte.

Können Sie die Faszination, die für Sie von Alban Bergs Musik ausgeht, noch etwas näher beschreiben?

I.M. Sie ist unglaublich genau komponiert: Keine Note ist zuviel, immer sind ihr ganz weiche Übergänge eingeschrieben. Und sie besitzt stets auch das, was ich als »versuchende Momente« bezeichne. Zu Beginn spielen wir, wie erwähnt, die drei für Streichorchester bearbeiteten Sätze aus der ›Lyrischen Suite‹, in Gegenüberstellung zum Abschluss des Konzerts die ›Lulu-Suite‹. Sie ist der gleichnamigen Oper entlehnt und handelt von einer unerreichbaren Frau, die sich allen Männern entwindet. Darin ist für mich der »Sehnsuchtston « durchwegs greifbar, am deutlichsten im Adagio. Um den Ausdrucksgehalt seiner Musik zu steigern, benützt Berg häufig das Vibraphon, ein Perkussionsinstrument mit Vibrato, und auch das Saxophon. Beide Instrumente werden im Jazz verwendet, der damals ganz neu und en vogue war, und dem immer auch ein touch von Bar, etwas Gutem zu Trinken und schummrigem Licht anhaftet. Diese Assoziationen stecken in der Musik, und ich finde es unheimlich spannend, wie der Komponist mit diesen Atmosphären spielt. Deswegen steht das Berg-Programm am Anfang. Besonders freue ich mich, dass Christine Schäfer diesen Abend mit uns gestaltet. Sie singt nicht nur die Konzertarie ›Der Wein‹ und die ›Altenberg-Lieder‹, sondern auch das ›Lied der Lulu‹. Sie hat diese Rolle sehr oft gesungen und auf der Bühne verkörpert. Sie ist eine ganz wunderbare Besetzung.

1995 überschlug sich die Presse mit Lob, als Christine Schäfer ihre Interpretation der Lulu bei den Salzburger Festspielen darbot. – Welche Facetten der ›Versuchung‹ berühren Sie noch in Ihren Programmen?

I.M. Der zweite Abend unseres Themenschwerpunkts wird nicht von mir, sondern von Charles Dutoit dirigiert. Er kommt mit Martha Argerich. Das alleine ist schon eine Versuchung. Auf dem Programm stehen Stücke über die Leidenschaft und Abgründe des Tanzes. Das dritte Konzert folgt kurz vor Weihnachten. Wir spielen die symphonischen Fragmente ›Le martyre de Saint Sébastien‹ von Claude Debussy. Debussys Musik trägt in besonderem Maße etwas Sensitives, Sehnsüchtiges in sich. Mit Hindemith hingegen steht ein Komponist auf dem Programm, der einem vielleicht nicht sofort einfällt, wenn man an das sinnliche Thema ›Versuchung‹ denkt. Aber in seiner Symphonie ›Mathis der Maler‹ handelt der letzte Satz nicht nur von der ›Versuchung des Heiligen Antonius‹, er ist auch so überschrieben. Nach der Pause folgen der ›Tanz der sieben Schleier‹ und der Schlussgesang aus Richard Strauss’ ›Salome‹. Darin gerät ausnahmsweise kein Mann, sondern eine Frau in Versuchung, die, wie wir alle wissen, darauf letztlich sehr brutal reagiert. Im vergangenen Jahr hatte ich das große Glück, dass Nina Stemme in der Züricher ›Tristan‹-Inszenierung die Partie der Isolde sang. Sie ist eine fabelhafte Sopranistin. Wir sind besonders stolz darauf, dass wir sie überreden und engagieren konnten, für uns in Berlin die Salome zu singen.

Bislang haben Sie immer ein groß besetztes, abendfüllendes Werk in Ihre Themenreihen mit aufgenommen. Planen Sie in dieser Saison ein Pendant zu Humperdincks Oper ›Königskinder‹ im vergangenen Jahr oder zu Schumanns Oratorium ›Das Paradies und die Peri‹ im Jahr zuvor?

I.M. Auch das wird es wieder geben. Die Konzerte am 26. und 27. Februar gehören ganz den ›Faust-Szenen‹. Dass es nun erneut Schumann ist, liegt zum einen daran, dass wir 2010 seinen 200. Geburtstag feiern, zum anderen aber ist ›Versuchung‹ das faustische Thema schlechthin. Mephisto als die Inkarnation des Teufels tritt hier als Versucher auf, indem er den suchenden Faust sinngemäß mit den Worten verführt: »Ich kann Dir alles bieten, wenn Du mir Deine Seele verkaufst.« Hier ist ›Versuchung‹ ganz immanent und klar zu greifen. Dieses Projekt liegt mir besonders am Herzen. Den Faust wird Christian Gerhaher singen, der im letzten Jahr als Spielmann in den ›Königskindern‹ so überzeugend auftrat. Schließlich werden wir, genau wie in der zurückliegenden Spielzeit, als der ›Aufbruch 1909‹ seinen Höhepunkt im Mai mit zwei Konzerten und einem kleinen Festival fand, auch das Jahresthema ›Versuchung‹ im Mai kulminieren lassen; zunächst am 18. Mai mit einem besonderen Programm, das einen politischen Hintergrund und sehr viel mit Berlin zu tun hat. Wir spielen je ein Werk von Franz Schreker, von Max von Schillings und von Arnold Schönberg. Sowohl Schreker als auch Schönberg, zwei Komponisten mit jüdischem Hintergrund, hatten hohe Posten im Musikleben Berlins inne: Schreker war Direktor der Berliner Musikhochschule und wie Schönberg Leiter einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste. 1932 wurde Max von Schillings zum Präsidenten der Akademie gewählt, und schon im folgenden Jahr drängte er beide Männer aus ihren Ämtern. Schönberg ging daraufhin nach Amerika, Schreker wollte eigentlich nach Argentinien, kehrte aber doch nochmals nach Berlin zurück und starb hier nach der Zerstörung seiner Karriere 1934 in wirklich existenzieller Not an einem Schlaganfall. Viele Menschen haben vergessen, dass er in den Zwanzigerjahren der meistgespielte Opernkomponist überhaupt war. Es ist wirklich mehr als tragisch, dass seine Musik, die ich persönlich liebe, lange Zeit in Vergessenheit geriet. Mittlerweile erlebt sie eine kleine Renaissance. Es ist mir jedenfalls wichtig, im Zusammenhang mit unserem Jahresthema Schreker zu spielen. Auf dem Programm steht sein ›Vorspiel zu einem Drama‹, die verlängerte symphonische Einleitung zu seiner Oper ›Die Gezeichneten‹. Es ist ein grandioses Stück, in dem eine Liebesinsel im Golf von Genua und die Versuchung, dorthin zu gehen, eine große Rolle spielen. Diesem gewaltigen Werk stellen wir ›Pelleas und Melisande‹ von Arnold Schönberg gegenüber, eine seiner letzten großen romantischen Orchesterkompositionen, in der er nochmals alle Klangfarben im spätromantischen Stil bedient. Eingekreist von diesen beiden Werken, sozusagen umstellt von seinen Opfern, bringen wir Max von Schillings’ ›Hexenlied‹.

Es ist anzunehmen, dass es neben diesen sehr spannenden Hintergründen auch musikalische gibt, die Sie dazu bewogen haben, die Komposition einer so umstrittenen Figur, wie von Schillings es war, in Ihre Saisonplanung mit aufzunehmen.

I.M. Schillings politische Einstellung und sein Handeln sind sicherlich sehr fragwürdig, in vielem auch absolut abzulehnen, hingegen muss anerkannt werden, dass das ›Hexenlied‹ in seinem musikalischen Gehalt und in seiner Intensität von Bedeutung ist. Ich habe es schon vor langer Zeit durch eine Aufnahme mit der großen Martha Mödl kennengelernt und einen bleibenden Eindruck davon gewonnen. Seither war es mein Wunsch, es selber einmal zur Aufführung zu bringen. Dies tun wir jetzt mit einem Mann, Klaus Maria Brandauer, den ich persönlich davon überzeugen konnte, das Stück mit uns zu erarbeiten – auch für ihn ist es das erste Mal. Beim ›Hexenlied‹ handelt es sich um eine heute nur noch selten zu hörende Kunstform, ein Melodram. Das heißt, dass jemand zur Musik ausdrucksvoll spricht und nicht etwa singt. Klaus Maria Brandauer wird also eine Geschichte erzählen, und das Orchester kommentiert. Es ist wirklich erstaunlich, wie ähnlich Schillings’ Musiksprache der von Schreker und Schönberg ist, so dass man sich gut vorstellen kann, dass dieser Mann auch andere als allein ideologische Gründe hatte, sie ihrer Ämter zu entheben.

Wovon handelt das ›Hexenlied‹?

I.M. Es ist eine faszinierende Geschichte: Es geht um einen alten Mönch, der im Sterben liegt, seine letzte Beichte ablegen und die letzte Ölung erhalten soll. Da er ein so vorbildliches Leben geführt hat, rechnet man damit, dass alles ganz schnell geht. Es dauert aber und dauert. Schließlich hört man Gesang. Alle wundern sich, alle gehen hin, um nachzusehen, was da los ist. Dabei stellt sich heraus, dass der Mönch, der seine Lebensgeschichte erzählt, eben nicht ganz so frei von Problemen war, wie man gedacht hatte. Denn als junger Priester wird er, »als er noch voll im Blut gestanden«, wie es im Text heißt, zu einer jungen, wunderschönen Frau gerufen, die unter dem Verdacht steht, eine Hexe zu sein, und am nächsten Tag verbrannt werden soll. Ihr stattet er den letzten Besuch ab und ist unmittelbar eingenommen von ihrer Schönheit. Sie schaut ihn an und beschwört ihn: »Nimm mich mit! Lass uns zusammen fliehen! Und ich verspreche Dir, wir werden gemeinsam ein wunderbares Leben haben!« Sie zieht ihn also in ihren Bann, sie versucht ihn, und er ist kurz davor, ihr die Ketten abzunehmen und mit ihr zu flüchten. Da aber, so heißt es weiter, hält Gott ihn im letzten Moment zurück. Er flieht aus ihrer Zelle. Am nächsten Tag aber zieht es ihn unwillkürlich auf den Platz der Verbrennung, so fasziniert ist er von ihr. Sie steht auf dem Scheiterhaufen, sieht den jungen Mönch in der Menge, fixiert ihn und beginnt zu singen. Das Feuer züngelt von unten. Während sie singt, verzehren sie die Flammen. Er hält es irgendwann nicht mehr aus und rennt davon. Jedoch das Lied, das Hexenlied, verfolgt ihn ein Leben lang, er kann es nie vergessen. Es wird zu seinem Sehnsuchts-, seinem Versuchungslied, er überwindet es nie. Es ist, wie ich finde, eine fesselnde Geschichte, die genauso packend in Musik gesetzt ist. Und ich weiß, dass Klaus Maria Brandauer nur zehn Sekunden redet, und schon hängt man als Zuhörer an seinen Lippen.

Aber auch das letzte Programm unserer Themenreihe ist etwas Besonderes. Wir werden einen kanadischen Komponisten vorstellen, den vielleicht bislang noch die wenigsten kennen. Sein Name ist Claude Vivier, er stammt aus Montreal, hat lange Zeit in Köln gelebt und bei Stockhausen studiert. Er schrieb eine Musik, die, ich kann es nicht anders sagen, leuchtet. Sie besitzt ein inneres Licht, ein Blühen, und sie lässt eine tiefe Sehnsucht nach einer anderen Welt in einem aufsteigen. Das eine Stück, das wir von ihm spielen, ist sein einziges großes Opus für Orchester, es heißt ›Orion‹. Es symbolisiert, so könnte man sagen, die Versuchung nach dem All, nach ewiger Weite. Wir spielen aber auch noch ein anderes seiner Werke namens ›Zipangu‹. Zipangu ist das alte Wort für Japan, für das Land im Fernen Osten, dort, wo die Sonne aufgeht. Auch dieses Stück richtet einen sehnsüchtigen Blick in die Ferne. Hier besteht für mich eine enge Verbindung zu Mozarts ›Jupiter-Symphonie‹, die wir zum Abschluss dieses Konzerts spielen. Der Komponist des ›Don Giovanni‹, der sich in vielen, vor allem musikdramatischen Werken mit dem Thema ›Versuchung‹ beschäftigt hat, darf einfach nicht fehlen. Während das Thema ›Versuchung‹ im Mai 2010 mit diesen beiden letzten Symphoniekonzerten kulminiert, wird das Kino Babylon – ein wunderbares Filmtheater in Berlin Mitte aus dem Jahr 1929 –, auf unsere Anregung hin eine Filmreihe zum Thema ›Versuchung‹ veranstalten, denn auch von Bildern geht eine starke verführerische Kraft aus. Eine Auswahl der Filme wird momentan getroffen. Das DSO wird, soviel steht fest, in diesem Rahmen unter meiner Leitung einen Stummfilm, die tiefschichtige Verwechslungskomödie ›So this is Paris‹ des Berliner Regisseurs Ernst Lubitsch, begleiten und hoffentlich den gleichen Zuspruch erhalten wie das Festival ›Schönberg Underground‹, das wir in der zurückliegenden Saison im Kunsthaus Tacheles durchgeführt haben. Das sind also Ihre Vorhaben zum Thema ›Versuchung‹.

Gibt es darüber hinaus Projekte, auf die Sie sich besonders freuen?

I.M. Das sind viele, allen voran unsere drei Casual Concerts. Auch diesmal sind sie eng mit dem Themenschwerpunkt verbunden, wir stellen darin einzelne ›Versuchungs‹-Kompositionen vor. Was mich in diesem Zusammenhang besonders freut, ist, dass sich Christine Schäfer, Nina Stemme und Klaus Maria Brandauer bereit erklärt haben, auch bei diesem jungen Konzertformat mitzuwirken und mit mir auf der Bühne über die Werke zu sprechen – und natürlich mit dem buntesten und aufregendsten Orchester der Stadt für die Versuchungen der Musik zu begeistern.

Das Gespräch führte Benjamin Dries.

 

 
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